Ein Überblick über die Geschichte von Kirspel-Waldniel

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Autor: Frank Campen

Einleitung

Die St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel e. V. hat 2002 ihr 350-jähriges Bestehen gefeiert. Über die Gründung der Bruderschaft gibt es keine schriftlichen Überlieferungen. Unterlagen aus dem späten Mittelalter bis hin zum 19. Jahrhundert liegen leider nicht mehr vor. Auch die Gründer sind namentlich nicht bekannt. Die Generalversammlung vom 19. Juni 1952 hat daher das Jahr 1652 als Gründungszeitpunkt festgelegt. Sie orientierte sich hierbei an einer Platte des Königssilbers – wenngleich nicht die älteste – welche das Jahr 1652 ausweist. Die somit zufällig anstehende 300-Jahr Feier verband sich gut mit dem Dekanats-Stiftungsfest anlässlich des großen Schützenfestes mit Weihe einer neuen Bruderschaftsfahne[1].

In der Niederschrift aus dem Jahre 1952 wird kurz auf die Entwicklung der St. Michael Bruderschaft Kirspel –Waldniel eingegangen. Es wird erwähnt, dass die seinerzeitige Gemeinde Waldniel früher aus Burg- und Kirspel-Waldniel unter einer Verwaltung und einem Kirchenbezirk bestand. Ursprünglich habe die St. Michaelbruderschaft Burgwaldniel beide Bezirke umfasst. Als die Bevölkerungszahl anstieg, habe sich die Bruderschaft geteilt in die St. Michaelbruderschaft Burgwaldniel und die gleichen Namens in Kirspelwaldniel. Im Jahre 1928 wiederum hat Hehler, ebenfalls bedingt durch Bevölkerungswachstum und die örtlichen Entfernungen, die St. Josef Schützenbruderschaft Hehler gegründet[2].  

Inwieweit die damaligen Feststellungen auf Dokumente beruhten oder nur der Überlieferung entstammten, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Die historischen Dokumente der Bruderschaft sind wie bereits angemerkt rar. Es bleibt jedoch festzustellen, dass die Bezeichnung „Burgwaldniel“ erst 1815 entstanden ist[3]. Hiermit wurde der geschlossene Ortsteil Waldniel bezeichnet. Die umliegenden Sektionen bildeten Kirspel-Waldniel. Doch wie war dieses entstanden? Der nachfolgende Überblick soll wichtige Stationen in der Entwicklung von Kirspel-Waldniel beleuchten.

Kirspel-Waldniel im Altertum

Erste Anzeichen menschlichen Wirkens deuten auf eine Besiedlung der hiesigen Gegend lange vor Christi Geburt hin. Nordwestlich von Naphausen und östlich von Birgen wurden Steinbeile aus der Steinzeit gefunden[4]. Im Hardter Wald existiert ein Hügelgräberfeld, welches die Kelten etwa bis 800 v. Chr. benutzt haben und das wohl auch als Begräbnisfeld der Kirspeler Kelten diente[5]. Im Bereich des heutigen Berg gab es einen Einzelfund aus der Römerzeit, in Steeg wurden bei Hausbauten wiederholt römische Funde gemacht[6].

Von allen Sektionen wird zuerst Eicken urkundlich erwähnt. Das genaue Datum dieser Urkunde ist zwar unbekannt, aufgrund der Gesamtumstände wird sie aber Zeit Constantins (274-337) zugeordnet. Eicken wird hier als Grenzpunkt des Kölner Sprengels genannt; die Grenze zog sich von Woof zum Landwehrgraben in Hardt, von dort die alte Heerstraße entlang nach Eicken und weiter nach Haverslohe bei Born. Die damalige Bezeichnung von Eicken war „Thingeich“. Sie bezeichnete die Eichen, wo das Thing – eine altgermanische Volksversammlung - abgehalten wurde[7].

Nachdem um 400 n. Chr. die letzten römischen Legionen vom Rhein abberufen wurden, nahmen die Franken Besitz vom Lande. Hier sind auch die Grundzüge der späteren Strukturen unserer Sektionen zu sehen. Das Frankenland wurde in Gaue eingeteilt. Waldniel gehörte zum Mülgau[8]. Die Gaue wiederum wurden in Honschaften gegliedert (Hundertschaften – ursprünglich ein Bezirk von 100 Feuerstätten)[9]. Andere Interpretationen deuten eine Honschaft als eine Gemeinschaft von 100 wehrfähigen Männern. Ursprünglich war jede Honschaft selbständig, später sind die meisten aber zu größeren Gemeinden verschmolzen.

Entstehung des Begriffs Kirspel

Die Franken sind seit dem Ende des 7. Jahrhunderts christianisiert. Mit einer raschen Bevölkerungszunahme etwa seit dem 9. Jahrhundert tritt auch auf dem flachen Land das Bedürfnis nach intensiverer seelsorgerischer Betreuung auf[10]. Aufgrund der bereits erwähnten germanisch-fränkischen Gerichtsstätte Thingeich (Eicken) musste wohl dem Bischof oder dem fränkischen Grafen die Errichtung eines christlichen Gotteshauses in dessen Nähe als geboten und segensbringend erschienen sein. Die Errichtung der ersten Michaelskirche in Waldniel wird daher auch um diese Zeit vermutet[11].

Die quellenmäßig zu belegenden Pfarr-Rechte von St. Michael datieren aus dem Jahr 1255. War die erste Kirche aller Wahrscheinlichkeit noch ein Holzbau, so dürfte spätestens im 14. Jahrhundert das Messopfer in einer steinernen Kirche gefeiert worden sein (Eine Steinplatte in dieser Kirche enthielt die Inschrift“ Anno Domini MCCCLXXVII“ [1377]). Diese stand im Ortskern vom jetzigen Waldniel, südwestlich vom Marktplatz[12]. Heute steht dort das Kriegerdenkmal. Nach dem Neubau des jetzigen Schwalmtaldomes wurde die alte Kirche 1896 abgebrochen[13].

Mit der Errichtung der Pfarren wurden diese auch Bezirke zugeteilt. Nun begegnet uns auch erstmalig der Begriff Kirspel als abgekürzte Form für Kirchspiel. Es handelte sich um die Verwaltungsbezirke der einzelnen Pfarrkirchen. Diese waren zunächst als Zehntendistrikte gegründet worden, deren Ländereien von ihrem Ertrag den zehnten Teil zum Unterhalt von Pfarrer und Pfarrkirche abliefern musste[14].

Als Kirchspiel/Kirspel im speziellen wurden dabei meist die zerstreut und vereinzelt um eine Stadt oder einen größeren Ort herumliegenden Honschaften und Gehöfte bezeichnet. Sie gehörten zu dieser Stadt oder zu diesem größeren Ort[15]. Der Begriff Kirchspiel deutet darauf hin, dass in diesem Bereich das Geläut der Glocken, das „Kirchspiel“ zu hören war.

Die Entwicklung der Region Waldniel im Mittelalter

Währenddessen änderten sich die weltlichen Herrscher. Auf die Zugehörigkeit zum fränkischen Mülgau folgte die Herrschaft der Grafen von Kessel. Ab 1305 gehörte Waldniel zum Herzogtum Jülich. In dieser Zeit werden auch weitere Stellen in Kirspel-Waldniel in verschiedenen Zusammenhängen erstmals erwähnt. So wechselten beispielsweise Höfe in Birgen, Eschenrath und Dohr den Besitzer[16].

Im Laufe des 13. Jahrhunderts setzt die so genannte „Territorialisierung“ ein. Mehr oder minder mächtige Herren versuchten, ihre mehr oder minder verstreuten Besitzungen und Herrschaftsrechte zur Grundlage eines geschlossenen Verwaltungsbezirkes zusammenfassen: eben dem Territorium, das in unserer Region als Amt bezeichnet wurde. So entstand in unserer Region das zum Herzogtum Jülich gehörende Amt Brüggen mit den dazugehörigen Bezirken Kaldenkirchen, Breyell, Bracht, Brüggen, Boisheim, Süchteln, Amern, Dülken und Waldniel[17].

Waren anfangs im Herzogtum Jülich die Machthaber auch tatsächlich die Herzöge von Jülich, änderten sich die Verhältnisse durch manch skurrile Ereignisse. 1421 wurde das Amt Brüggen aufgrund einer Geldleihe an den Grafen von Moers verpfändet, der fortan das Sagen hatte. 1494 lösten die Herzöge von Berg, die seit 1423 auch das Herzogtum Jülich verwalteten, diese Pfandschaft wiederum aus. Aufgrund der Vermählung der bergisch-jülichen Herzoginnentochter Maria mit Johann III von Kleve wurden 1511 die drei Herzogtümer Berg, Jülich und Kleve unter der Führung des Klever Herzog vereinigt[18].

Im Jahre 1609 sterben die jülich-klevischen Herzöge aus; um die Hinterlassenschaft entsteht ein Erbfolgestreit zwischen Brandenburg und Pfalz-Neuburg. Diese teilten letztendlich die drei Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg untereinander auf. Das Herzogtum Jülich fiel dabei ebenso wie das Herzogtum Berg an die Pfalz; bis zur Eroberung durch die Franzosen zum Ende des 18. Jahrhunderts blieben diese auch die Herrscher im Herzogtum Jülich[19].

Die wechselnden Eigentumsverhältnisse gingen auch an Kirspel-Waldniel nicht spurlos vorüber. Wenn ein Amt verpfändet wurde, zahlten natürlich die Einwohner den Pfandzins. Weiterhin hatten verschiedene Kriege erheblichen Einfluss auf die Bevölkerung. Entweder mussten Soldaten gestellt, Truppen beherbergt und verköstigt oder Kriegsschulden bezahlt werden. Bei Schlachten in der hiesigen Gegend wurden viele Behausungen zerstört und die Einwohner durch umherziehende Söldnertruppen drangsaliert. Namentlich der 80jährige Krieg zwischen den Niederlanden und Spanien (1568-1648, ausgelöst durch grausame Bekämpfung des niederländischen Protestantismus[20] ), der truchsessische Krieg (1585-1589, der Kölner Erzbischof Truchsess war zum Protestantismus übergetreten, hatte geheiratet und wollte die Güter des Erzbistums behalten; hierauf wurde er exkommuniziert und später auch bekriegt und geschlagen[21]), der dreißigjährige Krieg (1618-1648), der französisch-holländische Krieg (1672-1678), der spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) und der siebenjährige Krieg (1756-1763) zogen auch Kirspel-Waldniel in starke Mitleidenschaft.

 

Spannungen zwischen Kirspel Waldniel und Fleck Waldniel

Während der Zugehörigkeit zum Amte Brüggen im Herzogtum Jülich bildete Waldniel gemeinsam mit den Kirchspielen Amern St. Anton, Amern St. Georg, Dilkrath und Lüttelforst den so genannten „Waldnieler Ort“, einen Gerichtsbezirk, in dem man bereits das Gebiet der heutigen Gemeinde Schwalmtal zu erkennen vermag[22].

In Waldniel selber scheint während dieser Zeit eine starke Trennung von Zentral-Waldniel und Kirspel-Waldniel zu erfolgen. Zum einen gab es den befestigten Ort Waldniel. Dieser wurde etwa seit 1700, als ihm gewisse Marktrechte verliehen wurden, als „Flecken“ bezeichnet. Vorher wurde der mit einem Wall umgebene Bereich auch als „Vestung“ genannt[23].

Zum anderen gab es (Kirchspiel) Kirspel-Waldniel, das sich aus folgenden Wohnplätzen zusammensetzte: Krins [Krinsend], Stöcken, Birgen, Brock [hier lag die Gaststätte zur Brock, das spätere Xalambo], Wintesen [bei der heutigen Bäckerei Jöbges], Eicken, Naphausen, Berg, Großeischenrath [das heutige Berg-West], Steeg, Kleineischenrath [Eschenrath], am Baum [zwischen Eschenrath und Josefsheim ], Hostert, Hohenfeld, Dohr [Oberhehler], Neusen [zwischen Hehler und Hardter Wald], Hehler, Amend [?], Fischelen, Lehloh, Ungerath [nur Ostseite des Kranenbaches], Zoppenberg, am Weyer [bei der heutigen Weiherstraße], aufm Kaiser [südwestlich des Bleichwalls], aufm Kuckuck [zwischen Gladbacher Str., Hospitalstr. und St. Michael-Str., bei dem ehemaligen Kino], Papelermühle und Papelerhof [beides an der Schwalm, Nähe Rickelrather Str.][24].  

Auch wenn Kirspel Waldniel und Fleck Waldniel oft getrennt erwähnt werden, war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts doch letztendlich in ganzen Waldnieler Ort nur ein Bürgermeister, und zwar der von Fleck Waldniel. Die übrigen Gemeinden hatten einen Vorsteher oder Schöffen. Kirspel hatte weiterhin einen eigenen Steueranschlag, ein eigenes Kataster und einen eigenen Haushalt. Leider sind Verwaltungsakten dieser Gemeinde aus der Zeit vor 1800 nicht mehr vorhanden.

Die Eigenständigkeit von Kirspel war bis Anfang des 18. Jahrhunderts wohl sehr gering. Das verwaltungstechnische Verhältnis des 17. und 18. Jahrhunderts wird im Jahre 1829 folgendermaßen beschrieben:

„Das ganze Amt Brüggen stand in Hinsicht der Verwaltung unter einem Amtsverwalter, in Hinsicht der Justizangelegenheiten aber unter einem Vogte. Vorsteher oder Behörden für jeden Ort oder Dingstuhl gab es nicht, dagegen bestand in jeder Gemeinde, die in betreff der Steuern und ihres Haushalts ganz von den anderen getrennt war, ein Vorstand, welcher abwechselnd aus den angesessenen Einwohnern genommen und wovon jedes Glied jährlich mit Rtlr. 8 ediktmäßig besoldet wurde. In den Städten und so auch in Fleck Waldniel war jedoch an die Spitze des Vorstandes ein Bürgermeister gestellt und da ein solcher – und in der Regel kein sonstiges Mitglied der Gemeindevorstände – die Fähigkeit besaß, mit den höheren Behörden die Geschäfte schriftlich zu besorgen oder abzunehmen, so war nun hieraus allmählich eine gemeinschaftliche Einleitung und Abfertigung der Gemeindeangelegenheiten entstanden, indem gewöhnlich die Vorstände der Landgemeinden sich nach dem Vorstande der Orts-Stadt verfügten, einzeln oder zusammen mit solchen, und besonders mit deren Bürgermeister ihre Interessen berieten und durch solchen höheren Ortes vortragen ließen. Ein solches Verhältnis bestand nun auch zwischen dem Vorstand von Kirspel Waldniel, als einer Landgemeinde, und dem Vorstand vom Fleck Waldniel als einer Stadtgemeinde; im übrigen war aber die erstere Gemeinde der letzteren ebenso wenig wie jede andere Gemeinde des Ortes untergeordnet oder einverleibt.“[25] Diese von einem Kirspeler Anwalt verfasste Beweisschrift sollte die Eigenständigkeit von Kirspel bereits im 18. Jahrhundert darlegen; die Fleck-Waldnieler sahen in der Tatsache, dass wichtige Entscheidungen von ihren Bürgermeister zu besorgen waren ein Beleg für die Zugehörigkeit von Kirspel Waldniel zu Fleck Waldniel.

Im Jahre 1707 gipfelten die Streitigkeiten zwischen Fleck Waldniel und Kirspel Waldniel erstmalig in einem Gerichtsprozess. 1652 hatten sich Kirspel-Waldniel und die Vestung Waldniel einen Betrag von 120 Reichstaler von der Freifrau Margarethe von Metternich, Witwe des Josee von Kipshoven geliehen; dieser Betrag sollte mit 6% p. a. verzinst werden und ex liberali donatione (frei übersetzt: als gütige Gabe) zu Weihnachten zur Kleidung der Armen und zu Pfingsten zu einer Brotspende verwendet werden. Unterzeichnet hatten diese Schuldverschreibung die Schöffen Peter Neehen und Heinrich gen Dohr für Waltneel (Dorf) und Martin zu Windhausen, Linnert im Feldpesch und Johann Backes, Geschworene des Kirspels Waldniel[26] .

Die Spannungen zwischen Fleck Waldniel und Kirspel Waldniel nahmen aber allmählich zu. Im besagten Jahr 1707 zog Kirspel Waldniel nun gegen Fleck Waldniel vor Gericht, weil Fleck Waldniel einerseits die Zinsen für diese Anleihe nicht bezahlt hatte, andererseits Hand- und Spanndienste nach Kirspeler Auffassung von den Fleck Waldnielern nicht gerecht vergütet worden. Hand- und Spanndienste waren eine Verpflichtung zu körperlicher Arbeit gegenüber dem Staat oder einem Herrscher, die unter dem historischen Begriff Frondienst zusammengefasst werden können[27]. Im Waldnieler Bezirk war dieser Frondienst gegenüber dem Amtmann in Brüggen zu erbringen. Das Gerichtsverfahren zog sich über 2 Instanzen bis 1714, letztendlich musste Fleck Waldniel für die Hand- und Spanndienste zahlen, wurde von der Zahlung von Zinsen aber freigesprochen[28].

Mitte des 18. Jahrhunderts folgte dann der 7-jährige Krieg. 1756 zogen die Franzosen gegen Preußen zu Felde, und auch in der Waldnieler Region kam es wieder zu Kampfgefechten. Nach dem berühmten Sieg der Preußen gegen die Franzosen am 23. Juli 1758 an der Hückelsmay bei Krefeld musste das Amt Brüggen eine Kontribution an die preußische Armee, die bei Mönchengladbach lagerte, zahlen. Hierbei musste Fleck Waldniel je 125 Rationen an Hafer, Heu, Stroh und Brot liefern, Kirspel Waldniel hingegen jeweils 1006 ¼ Rationen[29].

Das Verhältnis spiegelte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wider. In Kirspel lebten die wohlhabenderen Landwirte, während Fleck Waldniel handwerklich geprägt war. Die stärkere Wirtschaftskraft bei einer gleichzeitigen Unterordnung unter den Bürgermeister von Fleck Waldniel ließ wahrscheinlich den Unmut in der Kirspeler Bevölkerung wachsen.

Kirspel Waldniel wird selbständig

Am 14. Juli 1789 erfolgte in Paris der Sturm auf die Bastille. Mit der „französischen Revolution“ erfolgten gesellschaftlichen Umwälzungen, die Folgen für das gesamte Europa haben sollten. 1791 zog der französische König mit der österreichischen und der preußischen Armee nach Paris, um die Revolutionsarmeen in ihre Schranken zu weisen. Jedoch wurden die Königlichen am 20.09.1792 zurückgeschlagen, und Johann Wolfgang von Goethe, der im Gefolge des Herzogs von Weimar den Feldzug miterlebte, erahnte wohl die weitreichende Bedeutung dieses Tages, denn am selben Abend sagte er zu seinen Begleitern: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen.“[30] Diese großen Worte sollten in Kürze auch für Kirspel-Waldniel gelten.

Bald darauf zogen die französischen Revolutionstruppen in die andere Richtung. 1793 stand bei diesem Feldzug der Kampf um die Schwalmlinie im Mittelpunkt des Geschehens. Hierbei konnte der preußische Oberst Blücher die französischen Truppen noch zurückdrängen[31]. Doch bereits im darauf folgenden Jahr wendete sich das Kriegsglück. Am 08. Oktober 1794 wurde Waldniel von den Franzosen besetzt. Die bisherigen Verwaltungsformen wurden kurzerhand abgeschafft.

Ab 1797 wird deutlich, dass Kirspel-Waldniel sich nun auch organisatorisch von Fleck Waldniel absondern wollte. Am 30. Dezember 1800 erfolgt auf Grund eines Präfekturbeschlußes die Aufteilung in zwei eigenständige Mairien (Bürgermeistereien): Bourg Waldniel (vom französischen bourg = Flecken), zu dem auch Lüttelforst gehörte, und Kirspel-Waldniel. Der Unterpräfekt in Krefeld hatte sich vergeblich gegen diese Trennung ausgesprochen, auch der Maire (Bürgermeister) von Fleck Waldniel hielt sie für ruinös und gegen das öffentliche Wohl gerichtet[32]. Bei dieser Gelegenheit soll sogar der dortige Vorstand erklärt haben, dass dann Fleck Waldniel sich lieber unter die Agentschaft von Kirspel begeben wolle, um die von jeher zwischen den beiden Teilen der Gemeinde bestandene Verbindung beizubehalten[33].

Doch die Entscheidung war gefallen. Kirspel-Waldniel war nun rechtlich vollkommen selbständig. Daran änderte auch das Ende der französischen Besatzung nichts. Bereits 1813 hatten die Franzosen die Völkerschlacht in Leipzig verloren und kurz darauf auch die Vorherrschaft in den Rheinlanden. Im Wiener Kongress vom 1815 wurde dieses Gebiet Preußen zugesprochen.

Der erste Bürgermeister von Kirspel-Waldniel war von 1801 bis 1808 Michael Hartges. Ihm folgte 1808 Johann Laufen und 1813 Johann Peter Hartges. Bürgermeister Hartges wurde am 12. Februar 1823 von der preußischen Bezirksregierung in Düsseldorf zum Rücktritt veranlasst. Von 1823 bis 1849 war Kirspel Waldniel trotz seines Protestes mit der Bürgermeisterei Burgwaldniel (zwischenzeitlich hatte sich aus dem französischen Bourg Waldniel die Schreibweise Burgwaldniel entwickelt) verbunden. Bürgermeister war in dieser Zeit Gustav Kirschkamp.

Das Verhältnis zwischen den beiden Waldnielern Gemeinden wurde jedoch immer stärker belastet. Ab 1816 gab es Streitigkeiten bezüglich der Aufteilung der Waldnieler Heide. Diese führten erneut zu einem Gerichtsprozess, der von 1821 bis 1835 dauerte. Letztendlich wurde die Waldnieler Heide nach dem Verhältnis der Feuerstellen zwischen Burgwaldniel und Kirspel-Waldniel aufgeteilt. Ein zweiter großer Prozess über die Erstattung von Kriegslasten aus dem Jahre 1794-1797 zog sich von 1826 bis 1836. Beide Prozesse wurden zu Ungunsten von Kirspel-Waldniel entschieden.    

Nach dem Tod von Gustav Kirschkamp im Jahre 1849 wählte der Gemeinderat von Kirspel-Waldniel daher zunächst am 19.10.1849 den Gutsbesitzer Heinrich Gendrisch zum kommissarischen Bürgermeister und am 14.01.1851 den Ackerer Fr. Michael Hartges zum Bürgermeister, um wieder selbstständig zu werden. Letzterer konnte jedoch wegen unzureichender Qualifikation nicht die Bestätigung des Regierungspräsidenten erlangen, der auch wieder Neuordnungspläne erwog. Um eine erneute drohende Vereinigung mit Burgwaldniel zu entgehen, entschied sich der Gemeinderat für eine Personalunion mit Dülken unter den Bürgermeistern Gerhard Doergens (bis 1868) und Friedrich Walter (bis 1889).Der Groll gegen Burgwaldniel war derart heftig, dass man in Kirspel bereit war, den 6 km langen Weg nach Dülken auf sich zu nehmen!

Auch nach dem Tod von Friedrich Walter sperrte man sich in Kirspel-Waldniel gegen die Annährungsversuche der Schwestergemeinde. Am 22. Januar 1890 wurde vom Oberpräsidenten in Koblenz Heinrich Clemens, der seit 1879 bereits 1. Beigeordneter gewesen war, zum Ehrenbürgermeister ernannt. Am 15. Mai 1905 trat Clemens im Alter von 76 Jahren in den Ruhestand[34]. Sein Nachfolger wurde – zunächst jedoch nur auf Widerruf – Albert Heitzmann, der seit 1904 bereits Bürgermeister von Burgwaldniel war.

Waldniel wird wieder vereinigt

Am Anfang des 20. Jahrhunderts war die Regierung von dem Bestreben geleitet, die kleineren Landgemeinden aufzulösen und leistungsfähigere große Gemeinden zu bilden. Als der Bürgermeister Heitzmann 1905 auch mit der Verwaltung von Kirspel-Waldniel beauftragt wurde, geschah dies mit der Weisung, die Gemeinden Burgwaldniel, Lüttelforst und Kirspel-Waldniel einander näher zu bringen und einer Zusammenlegung zugänglich zu machen. 1909 gelang ihm mit der Vereinigung der Gemeindekassen ein erster Schritt in die gewünschte Richtung. 1912 sollte dann der Zusammenschluss der drei Gemeinden von den jeweiligen Gemeinderäten beschlossen werden. In Burgwaldniel und Lüttelforst war die Zustimmung auch schnell erfolgt. Kirspel Waldniel hingegen lehnte eine Vereinigung ab. Der Bürgermeister Heitzmann war darüber sehr verärgert. Er sah die Ablehnung in rein persönlichen Motiven der Gemeindevorsteher begründet. Die Bedenken der Bürgermeisterei Kirspel-Waldniel waren aber durchaus auch sachlicher Natur, sie richteten sich gegen ein aus ihrer Sicht riskantes Fabrikansiedlungsprojekt sowie gegen den ihrer Meinung nach zu geringen Reservefonds der Sparkasse[35].

Das Staatsministerium bestimmte trotzdem am 19. Oktober 1914 die Vereinigung. Seine Entscheidung lautete:

„Auf Grund des § 6 der Gemeindeordnung für die Rheinprovinz vom 23. Juli 1845 und des Allerhöchsten Erlasses vom 16. August 1914 wird hierdurch genehmigt, dass die Landgemeinden Waldniel, Kirspelwaldniel und Lüttelforst im Kreise Kempen (Regierungsbezirk Düsseldorf) zu einer Landgemeinde Waldniel mit dem Namen „Waldniel“ vereinigt werden.“[36] So geschah es denn auch, und zum 01.04.1915 wurden diese drei Gemeinden vereinigt.

 

 

 

Schlussbemerkung

Schnell hatten sich dann die Streitereien zwischen Burgwaldniel und Kirspel-Waldniel gelegt, ganz Waldniel fühlte sich als eine einzige Gemeinde[37]. Der Begriff Kirspel-Waldniel hat sich – bis auf den Namen der St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel - nicht weiter gehalten. Das Einzugsgebiet der heutigen St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel umfasst die Sektionen Stöcken, Birgen, Eicken, Naphausen, Eschenrath, Hochfeld, Berg, Steeg sowie die hier umliegenden Gehöfte. Weiterhin hat sich 1928 die Bruderschaft St. Josef Hehler gebildet, die neben Hehler die Sektionen Hostert, Fischeln, Waldnieler Heide, Rösler Siedlung und Leloh sowie die umliegenden Gehöfte umfasst. Die Gebiete direkt um Waldniel (z. B. aufm Kuckuck) sind mittlerweile fest mit Waldniel verbunden.

Dieses war ein kurzer Streifzug durch die Geschichte von Kirspel-Waldniel. Es gäbe noch viel mehr zu berichten, etwa von der Entwicklung einzelner Gehöfte und Sektionen, den Kirspeler Schulen in Berg, Weyer, Eicken und Hehler oder der Verwaltungstätigkeit der Zivilgemeinde. Insbesondere die Verhandlungen zum Zusammenschluss der einzelnen Gemeinden am Anfang des 20. Jahrhunderts lesen sich wie ein Krimi. Auch das Streben der Kirspeler nach einer eigenen Kirche hat zu vielen interessanten Begebenheiten geführt. Dieses würde aber den hier gesteckten Rahmen sprengen und soll daher in nächster Zeit berichtet werden.



[1] Vgl. Satzung der Kirspelwaldnieler St. Michaels Bruderschaft Waldniel vom 14.08.1981

[2] Vgl. Berichtsbuch der St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel, S. 23f

[3] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 40

[4] Vgl. Archäologische Elemente zur Neuaufstellung des Flächennutzungsplans der Gemeinde Schwalmtal, Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege 2001

[5] Vgl. Pötter, Hubert: Die älteste Geschichte unserer Heimat. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 3

[6] Vgl. Loewe, Gudrun: Archäologische Funde und Denkmäler des Rheinlandes, S. 284

[7] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniels Eintritt in die Geschichte. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 4

[8] Deilmann, Josef: Geschichte des Amtes Brüggen, I. Teil, S. 6f

[9] Vgl. ter Meer, Paul: Die Verwaltung Waldniels. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 19

[10] Vgl. Kaiser, Hans: Die historische Entwicklung des Kreisgebietes in Mittelalter und Neuzeit bis 1815. In: Oberkreisdirektor Rudolf H. Müller (Hrsg.): Kreis Viersen am Niederrhein, Kempen 1977, S. 76

[11] Vgl. Reichsarchivrat Dr. Schäfer, K.H., Potsdam: Das Patrozinium des hl. Michael in Waldniel und die ältere christliche Kultur des Landes. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 25

[12] Vgl. Die alte katholische Pfarrkirche. In: 500 Jahre Vereinigte Bruderschaften St. Michael St. Josef Waldniel, S. 40

[13] Vgl. Schroers, Karl-Heinz: St. Michael Schwalmtal-Waldniel, S. 22 ff

[14] Vgl. Kaiser, Hans: Die historische Entwicklung des Kreisgebietes in Mittelalter und Neuzeit bis 1815, S. 77

[15] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 20

[16] Deilmann, Josef: Geschichte des Amtes Brüggen, II. Teil, S. 10f

[17] Vgl. Kaiser, Hans: Die historische Entwicklung des Kreisgebietes in Mittelalter und Neuzeit bis 1815, S. 81

[18] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel unter den Herrschern von Jülich. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 5 ff

[19] Vgl. Hantsche, Irmgard: Atlas zur Geschichte des Niederrheins, S. 72

[20] Vgl. Hantsche, Irmgard: Atlas zur Geschichte des Niederrheins, S. 74

[21] http://de.wikipedia.org/wiki/Truchsessischer_Krieg, Abruf vom 09.04.2008

[22] Vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen, S. I

[23] Vgl. Schroers, Karl-Heinz: Der Marktplatz im Wandel der Zeit. In: Waldnieler Geschichten, S.56

[24] Vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen, S. II

[25] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 23

[26] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 20

[27] http://de.wikipedia.org/wiki/Hand-_und_Spanndienste, Abruf vom 26.02.2008

[28] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 24

[29] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel in Kriegszeiten. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 10

[30] Vgl. Schroers, Karl-Heinz: Waldniel während der Franzosenzeit (1794-1814). In: Waldnieler Geschichten, S.25

[31] Vgl. ter Meer, Paul: Die Kämpfe um die Schwalmlinie. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 13f

[32] Vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen S.I

[33] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 39

[34] Vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen, S. IIIf

[35] Vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen, S. IVf

[36] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 42

[37] Vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 45

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