Der lange Weg zum Bau der Kirche St. Mariae Himmelfahrt, Waldnieler Heide

Autor: Frank Campen

Kirspel auf dem Weg zu einer eigenen Kirche
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Kirspel auf dem Weg zu einer eigenen Kir[...]
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Inhaltsverzeichnis

 

1.       1808 en et Kerspel1

2.       1808 in Kirspel-Waldniel2

3.       Der Bau des neuen Schwalmtaldomes in Burg-Waldniel3

4.       Die Reaktion in Kirspel-Waldniel auf den Bau des                       Schwalmtaldomes4

5.       Der Bau des St. Josefsheim mit der Anstaltskirche. 4

6.       Kriegs- und Nachkriegszeiten. 5

7.       Die Gründung der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt6

8.       Überlegungen zu einem Kirchneubau. 7

9.       Neubau oder Übernahme der Anstaltskirche?. 8

10.    Entscheidungen über die Bauweise. 9

11.    Die Ausgestaltung der Kirche. 10

12.    Der Bau der Kirche. 11

13.    Einweihung der Kirche. 14

14.    Die Pfarrgemeinde nach der Kircheinweihung. 15

15.    Bau des Glockenturmes. 16

16.    Entwicklung bis heute. 17

 

 

 

1.     1808 en et Kerspel

 

St. Märte woar al jerie-e un et woar richtig kalt jewoarde en et Kerspel. Johann un Michel woare op d’r Sonndag en de Hommes gewäs un soate nu en Berg en de Wirtschaft. Et woar ever huet wirklich richtig schleit Wear. Et rännde, et stürmde un et koosch och bald schneie.

 

Op jeden Fall woare die twie’e an et fachsimpele. Se ongerhele sich över die Franzu’ese, die seit e paar Joar för die Eigenständigkeit von et Kerspel jesorgt hade. Dä Hartges Michel woar 1801 d’r erschte Bürgermeester gewoarde un det Joar, 1808, woar et nu dä Laufen Johann. Dä Franzu’es har ene janze Hoop jemäckt, hä har die Verwaltung geängert un sech och met de Kerk anjeleit.      

 

Dä Johann seit: „En Kerspel jlöeve se all an d’r Herrjot, un se jont och all na de Kerk. Äver wör modde emmer na Neel, un die ut Hehler jonnt och all enns na de Hardt. Wat es dat emmer ene wie’e Weäg!“ „Joa“, seit dä Michel, „do haste wal reit. Min ärm Modder mot met 64 noch emmer en Stond loope, un dat beij Wenk un Weär. Irgendwann es et vorbej met de Glövigkeet, wenns te emmer mar dur d’r Matsch loope moss.“

 

Do koam dä Unland Pitter, dä Wiert. Dä seit; „Jonges, doa hatt ör reit! Wör bruuke en et Kerspel en ege Kerk, et beas hej nevenan op dat Stöck von Weber Paul.“ Michel lachte: „Du Klooke, damöt die Lü na de Hommes bei dich en de Wirtschaft jont, wa!“

 

Un Johann seit: „Dat moss dä Bischof segge, woa hej en Kerspel die Kerk stoan soll. “Äver dat hej in Kerspel en stoan mot, dat es joa wal kloar. Ich als Bürgermeester jonk morje na dä Cürlis, dä Vermeäter. Dä soll noch vör et Weihnachte ene Plan make wie wiet die Lü von Huenfeld, von Dohr un dat so genannte Molls emmer na de Kerk joan modde. Un dann baue vörr hej en et Kerspel oss ejene Kerk!“

 

          

 

 

2.     1808 in Kirspel-Waldniel

 

Auch wenn keiner von uns dabei war, so oder so ähnlich müssen Anfang des 19. Jahrhunderts die Überlegungen in Kirspel-Waldniel gewesen sein. In Waldniel gab es seinerzeit zwei eigenständige Gemeinden: Zum einen den eigentlichen Ort Waldniel, der weitaus kleiner war als das heutige Waldniel. Ihm waren etwa um 1700 gewisse Marktrechte verliehen worden; seither wurde der Ort als „Flecken“ bezeichnet[1].

 

Zum anderen gab es die Gemeine Kirspel-Waldniel, die die umliegenden Sektionen umfasste. Das Gebiet reichte im Norden von Stöcken über Birgen, Eicken, Berg, Naphausen, Eschenrath, Hostert, Steeg, Waldnieler Heide, Hehler, Fischeln, Leloh bis zum Papeler Hof / Papeler Mühle an der Schwalm. Im Osten entsprach die Grenze in etwa der heutigen Gemeindegrenze von Schwalmtal, im Westen gehörten Ungerath (nur Ostseite des Kranenbachs), Zoppenberg und die hier angrenzenden Bereiche am Weyer, aufm Kuckuck und aufm Kaiser zu Kirspel-Waldniel[2].

 

Auch wenn Kirspel-Waldniel und Fleck Waldniel oft getrennt erwähnt werden, war die Eigenständig von Kirspel bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gering. Für den ganzen Waldnieler Ort gab es nur einen Bürgermeister, und zwar der von Fleck Waldniel. Waldnieler Ort war ein Verwaltungs- und Gerichtsbezirk, der die beiden Waldnieler Gemeinden, Lüttelforst, St. Anton und St. Georg in Amern sowie Dilkrath umfasste und in dem man somit bereits das Gebiet der heutigen Gemeinde Schwalmtal erkennen kann. Kirspel-Waldniel hatte lediglich einen Vorsteher oder Schöffen, weiterhin einen eigenen Steueranschlag, ein eigenes Kataster und einen eigenen Haushalt. Doch die Franzosen schafften nach der Besetzung der Rheinlande im Jahre 1794 die bisherigen Verwaltungsformen kurzerhand ab. Im Jahre 1800 wurde verfügt, dass Waldniel in zwei eigenständige Mairien (Bürgermeistereien) aufgeteilt wird: Bourg Waldniel (bourg = französisch für Flecken), zu dem auch Lüttelforst gehörte, und Kirspel-Waldniel[3].

 

Nach der zivilrechtlichen Eigenständigkeit der Gemeinde Kirspel-Waldniel strebten die Einwohner auch nach einer eigenen Kirche. Angestachelt wurde der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus wohl auch dadurch, dass das benachbarte, weitaus kleinere Lüttelforst bereits seit vielen Jahrhunderten eine eigenständige Kirchengemeinde war und 1803/1804 die dortige Kirche neu errichtet wurde.

 

So wurde im Jahre 1808 ein Plan erstellt, mit dem die weite Entfernung belegt werden konnte, die die Einwohner von Kirspel zur nächsten Kirche zurücklegen mussten. Der Plan befindet sich im Diözesanarchiv in Aachen. Doch die Eingabe, die seinerzeit von Seiten Kirspel-Waldniel gemacht wurde, war offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt. Die katholische St. Michael-Gemeinde umfasste weiterhin die Fläche beider Zivilgemeinden. In den nächsten Jahrzehnten überschatten die politischen Unruhen die Bestrebungen nach einer weitergehenden Eigenständigkeit. Die kirchenbaulichen Tätigkeiten waren Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein erheblich zurückgegangen[4].

 

3.     Der Bau des neuen Schwalmtaldomes in Burg-Waldniel

 

Dieses änderte sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die politischen Verhältnisse hatten sich nach der Niederlage der Franzosen und der anschließenden Neuordnung auf dem Wiener Kongreß (1815) auch für Kirspel-Waldniel geändert. Der Niederrhein gehörte zu Preußen, aus Bourg-Waldniel war Burgwaldniel geworden und Kirspel-Waldniel sollte nach dem Willen der Bezirksregierung keinen eigenen Bürgermeister mehr haben. Von 1823 bis 1849 war Kirspel-Waldniel trotz seines Protestes mit der Bürgermeisterei Burgwaldniel verbunden. Um nach dem Tod des Bürgermeisters Kirschkamp 1849 einer erneut drohenden Vereinigung mit Burgwaldniel zu entgehen, entschied sich der Gemeinderat 1853 für eine Personalunion mit Dülken unter den Bürgermeistern Gerhard Doergens (bis 1868) und Friedrich Walter (bis 1889).

 

In der Kirchengemeinde St. Michael war seit 1854 Pfarrer Anton Mömken tätig. Er sollte sich schnell als ein emsiger Baumeister etablieren. Er sorgte für ein neues Pfarrhaus (1856) und eine Kaplanei (1859). Eine Rektoratsschule wurde im Herbst 1856 mit zunächst 27 Schülern eröffnet. Sein Hauptaugenmerk war aber bereits frühzeitig, die mehrere hundert Jahre alte, baufällige, zu klein gewordene Kirche südlich des Waldnieler Marktplatzes durch einen Neubau zu ersetzen. Hierzu wurde ein Bau- und Sparverein gegründet, der in Burgwaldniel und Kirspel-Waldniel Gelder einsammelte. Der Anteil von Kirspel an den Sammelbezirken war hoch, und so wurde der Wunsch laut, die neue Kirche auf Kirspeler Gebiet zu errichten. Dieses widerstrebte jedoch den Burgwaldnielern[5]. Hierzu passte auch die folgende alte Sage aus Waldniel, die sich aber wahrscheinlich auf den Bau der ursprünglichen Kirche bezog:

 

„Als man in Waldniel die alte Kirche bauen wollte, verlangten die Leute vom Kirchspiel, die Kirche sollte in Steeg gebaut werden, auf dem Grundstück links von der Gladbacher Straße, wo der Weg nach Steeg hinführt. Die Leute fuhren dort schon Steine und Holz zusammen, um auf dieser Weise ihrem Verlangen Nachdruck zu geben. Aber siehe da: am anderen Morgen waren Steine und Holz verschwunden und fanden sich in Waldniel auf dem Marktplatz wieder. Die Leute meinten nun nichts anderes, als die Engel hätten sie dahingetragen. Doch ließen sie sich nicht gleich beirren und fuhren wieder Steine und Holz herbei, aber wieder war am anderen Morgen alles verschwunden. Da erkannten alle als Gottes Wille, daß die Kirche nicht in Steeg, sondern in Waldniel gebaut werden sollte, und sie bauten nun gemeinsam die Kirche auf dem Kirchplatze.“[6]

 

Letztendlich wurde der Schwalmtaldom somit am Marktplatz von Waldniel errichtet. Seine Fertigstellung war 1883. Im Jahre 1890 flammte der Wille nach Eigenständigkeit in Kirspel wieder auf. Nach dem Tod des Dülkener Bürgermeisters Walter hatte Kirspel-Waldniel mit dem Ehrenbürgermeister Heinrich Clemens wieder eine stärkere Unabhängigkeit erlangt[7].

 

Pfarrkirche St. Michael (Schwalmtaldom) im Jahre 2006

seit dem 01.01.2010 Pfarrkirche der Gemeinde St. Matthias, Schwalmtal

 

 

4.     Die Reaktion in Kirspel-Waldniel auf den Bau des Schwalmtaldomes

 

Angeregt von der imposanten neuen Kirche in Waldniel trugen die Offiziellen von Kirspel-Waldniel mit einem Brief vom 04. August 1894 den Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus erneut beim Bischof in Münster vor. Sie verwiesen auf ihre emsige Beteiligung beim Kirchbau in Waldniel, obwohl man eigentlich in Kirspel eine eigene Kirche haben wollte. Begründet wurde das Verlangen nach einem eigenen Gotteshaus mit der weiten Entfernung, die insbesondere für die ältere Bevölkerung bei Wind und Wetter sehr beschwerlich wäre. Jedoch wurde auch ein weiterer Aspekt genannt: Viele wohlhabende Leute seien in den letzten Jahren bloß aus dem Grund nach Burgwaldniel verzogen, um näher bei der Kirche zu wohnen und auch an den Wochentagen der hl. Messe beiwohnen zu können. In dem Brief heißt es hierzu: „Durch diese Domicil-Verlagerungen entstehen der Gemeinde nicht zu unterschätzende Ausfälle an Steuern, und müsse man daher schon aus Gründen der Selbsterhaltung auf Mittel und Wege sinnen, damit solche Steuerkräfte in Zukunft der Gemeinde erhalten bleiben.“

 

Bischof von Münster – das hiesige Gebiet gehörte seinerzeit zum Bistum Münster, das Bistum Aachen wurde erst 1930 gegründet – war damals Hermann Dingelstädt aus Bracht. Man hatte die Hoffnung, dass dieser sich für einen so heimatnahen Kirchbau einsetzen würde. Das Ansinnen aus Kirspel-Waldniel wurde beim Bischof jedoch wieder abschlägig beschieden.

 

Trotzdessen wurde mit der Sammlung von Geldern begonnen. Doch spätestens 1898 war die Hoffnung der Kirspel-Waldnieler auf eine eigene Kirche zunichte gemacht worden. Anlässlich der Firmung in Waldniel teilte der Bischof Hermann Dingelstädt von der Kanzel der dortigen neuen Kirche aus mit, dass man zu einem Neubau in Kirspel niemals eine Genehmigung erteilen werde.

 

Ende des 19. Jahrhunderts beabsichtigte die katholische Kirchengemeinde, ein Krankenhaus zu bauen. Als der seit 1894 tätige Pfarrer Dominikus Hacks im Januar 1897 die Familie Gorissen besuchte, schlug diese vor, das Krankenhaus im Mittelpunkt der Kirchengemeinde und somit in Kirspel-Waldniel zu errichten. Es würde ja ohnehin in diesem Hause eine Kapelle errichtet, man brauche dieselbe dann nur etwas größer zu bauen und Kirspel-Waldniel wäre geholfen. Doch hierauf erwiderte der Pfarrer bestimmt, dass man das Krankenhaus nicht außerhalb der Gemeinde bzw. des Ortes bauen könne. Somit war auch diese Möglichkeit gescheitert[8].

 

5.     Der Bau des St. Josefsheim mit der Anstaltskirche

 

Einige Jahre später ergriffen die besonders engagierten Geschwister Wix aus Hostert die Initiative. Joseph Wix zahlte 1906 einen hohen Betrag auf ein Konto bei der Spar- und Darlehenskasse der Gemeinde Kirspel-Waldniel ein. Es handelte sich um 5.000 Goldmark des Kirchbauvereins und um 9.000 Goldmark seines verstorbenen Bruders Peter, die ebenfalls diesem Zweck dienen sollten. Da der Neubau eines Gotteshauses offensichtlich nicht genehmigt werden würde, stifteten die Geschwister Joseph und Katharina Wix ihr gesamtes Vermögen – neben weiteren Geldmitteln auch diverse Ländereien – zum Bau eines Klosters mit der Auflage, bei dem vorgesehenen Klostergebäude auch eine Kapelle zu errichten. Diese sollte stets von den Einwohnern der umliegenden Sektionen besucht werden dürfen.

 

Ursprünglich war Kontakt zum Vincenzverein in Köln aufgenommen worden, letztendlich begannen 1909 aber die Franziskanerbrüder von Waldbreitbach ihre Arbeit in Hostert[9]. Von 1911 bis 1913 wurde das St. Josefsheim erbaut. In diesem Kloster versorgten die Franziskaner bis zu 600 schwerst und geistig behinderte männliche Hilfsbedürftige, sie kümmerten sich um Lernschwache und Körperbehinderte.

 

Die weisungsgemäß errichtete Kirche lag am Außenrand des Geländes, um sie den Anwohnern der umliegenden Sektionen wie vorgesehen zugänglich zu machen. Sie wurde bereits am 20.10.1912 in aller Stille eingeweiht. Anfangs jedoch wurde es auf bischöflicher Verordnung nur den Bewohnern des Klosters gestattet, in der Kapelle der sonntäglichen Pflicht genüge zu leisten. Erst langsam lockerten sich die Bestimmungen, ab April 1913 wurden Gläubige zur heiligen Messe zugelassen. Im 1. Weltkrieg erlaubten in Abwesenheit von Pfarrer Hacks aus Burgwaldniel – der offensichtlich ein vehementer Gegner der Nutzung der Kirche Hostert war – die Kapläne von Waldniel dem Anstaltsgeistlichen, für die Bewohner der Umgebung die Beichte zu hören.

 

Grund für die ablehnende Haltung aus Burgwaldniel mag auch die seinerzeitige zivilrechtliche Situation gewesen sein. Auf Bestreben der preußischen Bezirksregierung sollten die drei Gemeinden Burgwaldniel, Kirspel-Waldniel und Lüttelforst vereinigt werden. Doch Kirspel-Waldniel wehrte sich heftig gegen den Zusammenschluss; 1912 wurde der von Burgwaldniel und Lüttelforst bereits zugestimmten Vereinigung in Kirspel-Waldniel widersprochen. Dennoch wurde dann 1914 von Seiten der Bezirksregierung die Fusion der drei Gemeinden zu der neuen Landgemeinde Waldniel verfügt. Am 1.4.1915 erfolgte der Zusammenschluss[10].

 

Bereits nach wenigen Jahren war das St. Josefsheim so besetzt, dass in der Kirche für die Anwohner nur noch Stehplätze übrig blieben. Die Situation in Kirspel-Waldniel war paradox: Man hatte endlich ein Gotteshaus im eigenen Gebiet, was man auch teilweise selber bezahlt hatte. Die Nutzungsmöglichkeiten jedoch waren sehr eingeschränkt. 1924 verlangten daher einige Ortschaften ihr Geld aus dem Kirchbauverein zurück und es wurde ihnen auch zurückgezahlt[11].

 

6.     Kriegs- und Nachkriegszeiten

 

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann in der Hosterter Anstalt eine unheilvolle Zeit. Die Nationalsozialisten versuchten in ganz Deutschland systematisch, die katholische Kirche und ihre Gliederungen zu schwächen. Das geschah u.a. 1935-1937 durch eine Lawine von Prozessen. So musste der Franziskanerorden wegen Devisenvergehen hohe Geldstrafen zahlen. Dann wurden mehrere Brüder in den „Koblenzer Prozessen“ wegen Sittlichkeitsdelikten verurteilt. Das war der Grund, warum der Staat nicht mehr den Aufenthalt von Schutzbefohlenen in Waldniel-Hostert finanzierte. Der Orden musste Konkurs anmelden. Die letzten Brüder verließen am 23. Mai 1937 das Haus.

 

Aus der Konkursmasse der Franziskanergenossenschaft erwarb die Verwaltung der Rheinprovinz Düsseldorf die Anstalt Waldniel-Hostert. Die Gebäude wurden wieder als Pflegeheim für geistig und körperlich behinderte Kinder genutzt. Doch die Nationalsozialisten sprachen in ihrem Rassenwahn auch Behinderten das Lebensrecht ab. Wurden zunächst geistig Behinderte „nur“ sterilisiert, so setzte Berlin mit Kriegsbeginn das „Euthanasie-Programm“ in Kraft. Grundlage hierfür war kein Gesetz, sondern ein auf den 1. September 1939 datierter Erlass Hitlers. Er verfügte, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichen Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung der Gnadentod gewährt werden kann." Mit diesem Erlass wurde die Ermordung von hunderttausenden körperlich und geistig behinderten Menschen legitimiert. Im Standesamt der Gemeinde Waldniel sind für die Jahre 1939 – 1943 512 Todesfälle in der Anstalt Hostert registriert. Viele hunderte Behinderte wurden aber auch in andere Anstalten verbracht, wo sie oft den Tod fanden[12].

 

Nach den Greueltaten der Nazizeit wurde die Anstalt in Hostert zuerst als Schule, ab 1946 als Altersheim für Behinderte der Psychiatrie Süchteln genutzt. 1952 wechselten alle Patienten nach Süchteln Johannistal. Damit endete die psychiatrische Nutzung des Hauses. In diesem Jahr wurde die Enteignung des Ordens durch die Nazis rückgängig gemacht. Die Franziskanerbrüder von Waldbreitbach konnten Hostert von der Provinzial Rheinprovinz zu einem angemessenen Preis zurückkaufen. Sie waren aber nicht in der Lage, das St. Josefsheim wie zuvor zu führen, zumal die britischen Besatzungsmacht einen großen Teil der Anlage beschlagnahmt hatte und als Lazarett nutzte. Daher verkauften die Franziskaner 1955 die Gebäude an den Bund[13].

 

7.     Die Gründung der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt

 

Während dieser bewegten Zeit regelte ein Vertrag mit dem Provinzialverband die Seelsorge in Hostert. Der in den Kriegstagen tätige Leiter der Höheren Schule Waldniel, Rektor Wilhelm Wachendorf, übernahm die Seelsorge in diesem Bezirk. Gegen Pfarrer Möhlen aus Waldniel betrieb er die Verselbständigung des Bezirks. Nach dem Krieg wurde mit Wirkung zum 01.01.1947 ein seelsorglich selbständiger Rektoratsbezirk unter dem Titel der Himmelfahrt Mariä errichtet, der annähernd dem Gebiet der ehemaligen Gemeinde Kirspel-Waldniel entsprach. Lediglich die Sektionen Eicken und Birgen / Stöcken verblieben bei der Pfarrgemeinde St. Michael Waldniel. Zum 01.10.1958 wurde der Seelsorgebezirk schließlich ausgepfarrt und zur vermögensrechtlich selbständigen Rektoratsgemeinde erhoben[14].

 

Nun gab es eine eigenständige Pfarrgemeinde im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Kirspel-Waldniel, ein eigenes Gotteshaus hingegen immer noch nicht. Mit Errichtung des Rektoratsbezirkes wurde 1947 bistumsseitig bestätigt, dass die Anstaltskirche weiterhin als Seelsorgekirche des Rektorats genutzt werden konnte. Das Bistum hatte sich seinerzeit mit den Franziskanern, deren Rückkehr nach Hostert bevorstand, abgestimmt.

 

Nachdem das Objekt 1955 an den Bund gegangen war, hatte die Kirchengemeinde die Anstaltskirche gegen einen geringen Preis angepachtet, musste hierfür aber anfallende Renovierungskosten übernehmen. Das übrige Areal wurde weiterhin von der britischen Besatzungsmacht genutzt. War hier anfangs ein Krankenhaus untergebracht, hatten die Briten ab 1963 eine Schule mit bis zu 1.400 Schülern eingerichtet.

 

Die junge Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt entwickelte sich während dieser Zeit weiter. Erster Pfarrer der Rektoratsgemeinde wurde der aus Schlesien stammende Pastor Herbert Herzmann. Sein Nachfolger war von 1951 – 1954 Kaplan Josef Melchers. Unter Pfarrer Xaver Fuchs wurde 1954 der Bau- und Sparverein ins Leben gerufen[15]. Bereits 1957 wurde mit dem Bau eines Pfarrhauses für den Geistlichen begonnen; bei strömenden Regen war hierzu am 07.12.1957 Richtfest. Ende 1958 wurde das Pfarrhaus fertiggestellt. Unter Vikar Aloys Keuchel, der seit 1959 in Hostert tätig war, wurde 1963 das „Pfarrheim Waldnieler Heide“ gebaut. Vikar Keuchel sah die gemietete Anstaltskirche als Haupthindernis für die Entwicklung der Pfarre. Dieser Gedanke sollte in den darauffolgenden Jahren von seinem Nachfolger, Pastor Mathieu Leclerq, weiter vorangetrieben werden.

 

8.     Überlegungen zu einem Kirchneubau

 

Für die Pfarrgremien stand eine wichtige Entscheidung an. Die Kirche in Hostert war mittlerweile fast 60 Jahre alt und somit auch anfällig für Reparaturen. In den vorangegangenen 15 Jahren, seitdem das Gelände Bundeseigentum war, waren bereits DM 150.000 für Ausbesserungen fällig geworden. Beispielsweise waren DM 40.000 für das Dach und DM 30.000 für die Treppenanlage notwendig gewesen. Nun müssten weitere DM 80 – 100.000 investiert werden (Innenanstrich, Fenster), um die Kirche für die nächsten 20-30 Jahre benutzbar machen zu können.

 

Belastend kam hinzu, dass der Bund als Eigentümer sich weiterhin nicht an den Reparaturkosten beteiligte. Der Pachtvertrag lief noch bis 1985, konnte aber von beiden Seiten mit einer Frist von 6 Monaten gekündigt werden. Zusätzlich war die Absprache zwischen dem Eigentümer, der britischen Armee als Nutzer des Gesamtobjektes und der Pfarrgemeinde nicht immer reibungslos. Beispielsweise wurde der mit Mitteln des Bistums hergestellte Parkplatz neben der Kirche von den britischen Militärbehörden für eine Abwasserleitung diagonal aufgerissen und lange Zeit nicht wieder hergerichtet. Aufgrund dieser unsicheren Situation war das Bistum nicht bereit, sich an den voraussichtlichen Reparaturkosten zu beteiligen. Vielmehr wurde die Pfarre ermuntert, einen Kirchenneubau anzustreben. Hierfür würde das Bistum auch einen Beitrag leisten, wenn seitens der Pfarrgemeinde ein entsprechender Eigenanteil aufgebracht würde.

 

Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat hatten daher 1970 beschlossen, Vorplanungen für einen Kirchenneubau aufzunehmen. Schnell wurde als geeignetes Grundstück ein kircheneigener Platz an der Waldnieler Heide auserkoren. Aus mehreren Gründen war die Wahl hierauf gefallen:

 

  • Geographisch lag dieser Platz im Mittelpunkt des weit verzweigten Pfarrgebietes
  • Das Pfarrheim, das Pfarrhaus und die Küsterwohnung waren in unmittelbarerer Nähe
  • Alle Verkehrswege der Pfarrgemeinde führen unmittelbar zu diesem Bereich
  • Von der Schule Hehler aus war dieser Platz über den Wirtschaftsweg ungehindert durch den Verkehr zu erreichen

Eine entsprechende Bauvoranfrage war bei der Gemeinde platziert worden. Weiterhin hatte der Bau- und Sparverein seine Tätigkeit wieder aufgenommen und bereits DM 20.000 gesammelt. Um diesen Betrag schnell zu vergrößern, wurde das Pfarrgebiet in 16 Bezirke aufgeteilt, in denen jeweils 1 bzw. 2 Sammler (-innen) monatlich mit Bausteinen um entsprechende Beiträge für die neue Kirche warben.

 

Flugblatt des Bau-

und Sparvereins

Zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, wie eine neue Kirche aussehen könnte und welche Kosten hieraus entstehen würden. Von Seiten des Bistums wurde deutlich eine Kirche in Fertigbauweise favorisiert, weil hiermit die geringsten Kosten verbunden wären. Eine Delegation der Pfarre besichtigte daher zwei Kirchen in Kempen, die derart gebaut worden waren. Weiterhin fuhr man zu mehreren neuen Kirchen im Raum Aachen, die in herkömmlicher Art errichtet worden waren. Favorisiert wurde eindeutig eine Kirche in Massivbauweise. Schnell machte das Bistum klar, dass anfallende Mehrkosten von der Pfarrgemeinde zu tragen wären. Der ortsansässige Architekt Josef Pillen, der bereits für den Bau des Pfarrheims verantwortlich zeichnete, wurde mit der Erstellung eines Planentwurfs beauftragt. Er war zuversichtlich, dass die Kosten für eine massive Kirche bei einer einfachen Bauweise, die eine entsprechende Eigenleistung ermöglichte, nur unwesentlich über den Kosten eines Baus in Fertigbauweise liegen würden.

 

9.     Neubau oder Übernahme der Anstaltskirche?

 

Zunehmend wurde aber auch die Notwendigkeit eines Kirchneubaus diskutiert. Die Kirche in Hostert war in den letzten Jahrzehnten eine liebgewonnene Heimstatt geworden. Gab es nicht doch eine Möglichkeit, diese weiter zu nutzen? So wurden Überlegungen angestellt, ob man nicht die Kirche kaufen könnte. Im April 1974 besuchte eine Abordnung die Bundesvermögensstelle in Düsseldorf und erkundigte sich nach den Bedingungen, zu denen die Kirche als Sondereigentum erworben werden könnte. Nach mehreren Verhandlungen bot die Bundesvermögensstelle an, die Kirche und einige Nebenräume zu einem ideellen Wert zu erwerben. Für den Grund und Boden sowie den gewünschten Anteil am Parkplatz wäre der aktuelle Bodenrichtwert zu entrichten. Jedoch müsste ein Wegerecht für den Bund und eine dingliche Sicherung bezüglich der unter der Kirche gelegenen Heizung, die das gesamte Anstaltsgelände versorgte, eingetragen werden.

 

Dieses Kaufangebot wurde nun dem Bistum mit der Bitte um Prüfung vorgelegt, ob dieses eine interessante Alternative zum Kirchneubau wäre. Am 14. Juli 1975 wurde dem Kirchenvorstand bei einer Sitzung von hochrangigen Vertretern des Bistums verbindlich mitgeteilt, dass von dort keine Zustimmung zu dem Kauf der Anstaltskirche zu erwarten wäre. Die entscheidenden Gründe hierzu waren:

 

  • Die geschätzten Reparaturkosten waren mittlerweile auf DM 215.000 hochgeschnellt. Kosten für notwendige Feuerschutzmaßnahmen - zum Heizraum unter der Kirche musste eine explosionssichere Decke eingezogen werden - waren hierbei noch nicht berücksichtigt.
  • Die gewünschten grundbuchlichen Eintragungen zugunsten des Bundes würden Konfliktpotential bergen.
  • Eine evtl. notwendige Erweiterung der Anstaltskirche wäre nur schwer darzustellen.
  • Die vorgesehenen verkehrstechnischen Maßnahmen (neben dem noch nicht erfolgten Anschluss der A 52 war seinerzeit auch eine A 51 Aachen-Viersen-Krefeld in der Planung, das Autobahnkreuz war am Wasserturm vorgesehen[16]) würden die direkt an dem Autobahnzubringer B 230 liegende Anstaltskirche sehr belasten und die Kirche von den übrigen Bauten der Pfarre (Pfarrhaus, Küsterhaus, Pfarrheim) trennen.

 

Quelle: Der Kreis Viersen, a. a. O., S. 286

Der Kirchenvorstand entschied sich daher bei dieser Sitzung für einen Kirchneubau. Bei einer nachfolgenden gemeinsamen Sitzung am 22. Juli 1975 billigte auch der Pfarrgemeinderat diese Entscheidung.

 

Im Jahre 1973 war auf der Grundlage einer zwischenzeitlich errHHverfassten Pfarrchronik noch eine andere Alternative ins Spiel gekommen: Der Bau des Josefsheim war seinerzeit durch die Stiftung der Geschwister Wix initiiert worden. Der Grundbesitz wurde im Jahre 1907 mit Schenkungsurkunde an den Vincenz-Verein übergeben mit der Auflage, dort eine Fürsorgeanstalt zu errichten. Ein Rückfallrecht bei Aufgabe der Anstalt war ausgeschlossen. Die Beschenkte hatte sich dennoch verpflichtet, die Anstaltskirche mit Grund und Boden unentgeltlich an die zuständige katholische Pfarrgemeinde zu übereignen, falls die Anstalt nicht fortgeführt wird. Diese Verpflichtung war von den Franziskanern, die nachher das Josefsheim errichtet hatten, übernommen worden.

 

Um hieraus gegebenenfalls bestehende Rechte zu überprüfen, wurde 1974 ein Krefelder Anwaltsbüro mit der Bewertung der Sachlage beauftragt. In der Stellungnahme erfolgte der Hinweis, dass das Anrecht der Pfarrgemeinde nicht im Grundbuch eingetragen worden war. Bei den Wirrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit waren verschiedene Eigentumswechsel erfolgt, die jeweiligen neuen Besitzer hatten den Grundbesitz jeweils frei von Belastungen übernommen. Letztendlich hatte die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1955 gutgläubig und lastenfrei das Eigentum erworben, so dass irgendwelche Ansprüche gegen den aktuellen Eigentümer verneint werden konnten.

 

10.                        Entscheidungen über die Bauweise

 

Original – Modell des Architekten Josef Pillen

Parallel zu den vorgenannten Überlegungen hatten auch weitere Verhandlungen mit dem Bistum stattgefunden, wie eine neue Kirche aussehen könnte. Der Architekt Pillen hatte 1973 einen Vorentwurf gemacht, der einen Bau in Massivbauweise darstellte. Nach diesem Entwurf ergab sich eine Kirche in der der Größe von 20 x 20 Metern, in Leimbinder-Konstruktion mit Zeltdach. Nachdem anfänglich dieser Plan in Aachen positiv aufgenommen wurde, kam es Anfang 1974 zu Bedenken. Die veranschlagten Kosten seien viel zu niedrig, der Entwurf für die liturgischen Handlungen nicht geeignet. Im August 1974 wurde der Kirchenvorstand wiederum dazu gedrängt, sich endlich zu einem Bau in Fertigbauweise zu entscheiden; anderenfalls würden die bereit gehaltenen Mittel anderweitig eingesetzt.

 

Doch die Verantwortlichen der Pfarre befürworteten weiterhin einen Bau in Massivbauweise. Ende 1974 konnten in einem persönlichen Gespräch viele bistumsseitige Vorbehalte gegen diese Bauweise ausgeräumt werden. Am 14. Januar 1975 wurde in einer gemeinsamen Sitzung des Pfarrgemeinderates und des Kirchenvorstandes über die Ausgestaltung des neuen Gotteshauses angeregt diskutiert. Fast einhellig sprach man sich gegen eine Kirche in Fertigbauweise aus. Dieses wurde im April 1975 bei einem Besuch des Architekten und zwei Vertretern des Kirchenvorstandes in Aachen nochmals vorgetragen. Dort wurde mitgeteilt, dass man nunmehr keine bautechnischen Bedenken gegen den vorgelegten Vorentwurf mehr habe.

 

Nachdem mit den Versammlungen vom Juli 1975 endgültig die Weichen auf den Kirchneubau gestellt worden waren, wurde vom Bistum ein Finanzierungsplan verlangt. Das Bistum war weiterhin nur bereit, die Kosten einer vergleichbaren Kirche in Fertigbauweise zu übernehmen; der Restbetrag musste von der Pfarre aufgebracht werden. Der Zuschuss des Bistums lag bei DM 450.000 für die Baukosten und DM 15.000 für die Außenanlagen. Bei den veranschlagten Gesamtbaukosten von DM 638.500 war ein nicht unerheblicher Teil an Eigenleistungen und Spenden bereits berücksichtigt worden. Die Differenz von DM 173.500 sollte aus weiteren Eigenleistungen, vorhandenen Geldern aus Sammlungen und Rücklagen sowie Handwerkerrabatten finanziert werden. Es verblieb ein Restbetrag von DM 40.000, der durch ein Darlehen gedeckt wurde. Gemäß Vorgabe des Bistums war dieses Darlehen in 5 Jahren zurückzuzahlen. Die Mittel hierfür sollten wiederum aus Spenden erbracht werden. Die Kosten für die komplett aus Eigenmitteln finanzierte Inneneinrichtung sind bei dieser Aufstellung noch nicht berücksichtigt.

 

Mitte Februar 1976 hat der Kirchenvorstand vom Bistum die endgültige Zusage erhalten, dass alle Planungsunterlagen und der Finanzplan genehmigt seien. Hierauf wurde am 24. Februar 1976 der offizielle Architektenvertrag abgeschlossen und am 5. März 1976 die Baugenehmigung beantragt. Eine Bauvoranfrage war bereits Anfang Februar 1976 positiv vom Kreis Viersen beschieden worden.

  

11.                       Die Ausgestaltung der Kirche

 

Bereits beim Vorentwurf hatte eine einfache, klare Form im Vordergrund gestanden. Somit sollte ein niedriger Kostenrahmen erreicht werden, ohne die sakrale Bedeutung des Bauwerkes zu vernachlässigen. Mit dem Verzicht auf aufwendige Spezialbauweisen wurden auch vielfältige Eigenleistungen möglich.

 

Es wurde eine quadratische Grundform von 21 x 21 Metern gewählt. Das ½ m starke Außenmauerwerk besteht aus besandeten Ziegelsteinen, beiderseitig als Sichtmauerwerk. Die freitragende Dachkonstruktion besteht aus 4 um 90° versetzte, im Mittelpunkt miteinander verbundene Dreigelenkbinder (Traufhöhe ca. 5,90 m), sowie aus 4 diagonal verlaufenden Gratbalken, die im Mittelpunkt über ein Eisenrondell ebenfalls mit den Bindern verbunden werden und an den Eckpunkten auf eingespannten Stahlstützen aufliegen. Das Eisenrondell befindet sich in einer Höhe von ca. 9,30 m. Zur Aufnahme der Dachhaut werden zwischen den Bindern bzw. Gratbalken Pfettensparren angebracht. Die Dachhaut besteht aus auf Doppellattung verlegten Spanplatten, Glasvliespappe und schieferbestreuter Kebu-Schweißbahn. Die Ortgänge wurden mit Eternitschiefer verkleidet[17].

 

Bauplan des Architekten Josef Pillen

Aus der Ostecke wurde ein Viertelkreis mit einem Radius von ca. 6,80 Metern gezogen, um den Altarraum zu erhalten. Dieser ist um zwei Stufen gegenüber dem übrigen Kirchraum erhöht. Die Bänke ordnen sich in drei Blöcken, die einzelnen Reihen erweitern den ursprünglichen Altarkreis. Ausgerichtet sind die Sitzplätze für etwa 300 Gläubige. Die Anordnung dieser Elemente resultierte aus den Entwicklungen, die mit dem II. Vatikanischen Konzil von 1962-1965 manifestiert wurden: In der Liturgie sollte die Gemeinschaft der versammelten Menschen noch weiter im Vordergrund stehen. Der Priester liest die Messe in Landessprache, nicht mehr in Latein. Bislang stand er mit dem Rücken zur Gemeinde, alle priesen und huldigten dem Herrn. Nun ist er den Gläubigen zugewandt und spricht zu ihnen, in der Predigt erklärt er das Wort Gottes.

 

Mit der Aufteilung der Sitzbänke in drei Blöcken wurde auch die bisherige Aufteilung in „Männerseite“ und „Frauenseite“, die in der Anstaltskirche noch üblich war, durchbrochen. Die alte Tradition ist an dem meist männerlastigen rechten Block und frauenlastigen linken Block heute noch zu erkennen.

 

In der dem Altarraum gegenüberliegenden Ecke ist die Orgelbühne. Sie ruht auf zwei Stahlstützen und bietet ausreichend Platz für den Chor. Unter der Orgelbühne befindet sich der Haupteingang der Kirche. Ein Windfang schützt den Innenraum vor Zugluft. Von hier aus ist auch die Orgelbühne über eine Wendeltreppe zu erreichen. An der Außenseite wurde über dem Haupteingang ein ca. 6,50 m hohes und 2,00 m breites verkupfertes Kreuz befestigt, welches weithin die Kirche als solche erkennen lässt.

 

Die Sakristei mit Nebenräumen und eine Wochentagskirche mit Sakramentskapelle befinden sich in einem Anbau, der sich um die Ostecke der Hauptkirche legt. Er hat eine Breite von ca. 5,90 m und eine Länge von ca. 14,50 m. In der ca. 7,50 m x 5,50 m großen Wochentagskirche sollen die weniger stark besuchten Messen gefeiert werden, damit die Gläubigen sich in der Weite des Raumes nicht verlieren. In einer ca. 3,50 m x 5,50 m großen Sakramentskapelle, die die Wochentagskirche mit der Hauptkirche verbindet, befindet sich der Tabernakel. Hiermit wurde auch ein Vorschlag des II. Vatikanischen Konzils – der Tabernakel sollte einen eigenen Platz haben, wo er auch für private Anbetung zugänglich ist – umgesetzt. Durch einen Nebeneingang ist sowohl die Hauptkirche als auch die Wochentagskirche zu erreichen. Auch dieser ist mit einem Windfang geschützt. Die ca. 6,25 m x 5, 50 m große Sakristei mit Nebenräumen und sanitären Einrichtungen bietet ausreichend Platz für die Aufbewahrung der notwendigen Meßutensilien. An einem großzügigen Tisch kann sich der Priester mit den Messdienern und weiteren teilnehmenden Personen auf den Gottesdienst vorbereiten.

 

In einem Kellerraum der Anstaltskirche hatte sich eine sehr gut genutzte Pfarrbücherei etabliert. Seit langem war bereits vorgesehen, hierfür am Pfarrheim einen Raum anzubauen. Vom Bistum wurde jedoch keine Genehmigung erteilt. Mit dem Neubau der Kirche und der Aufgabe der Anstaltskirche bestand nun die dringende Notwendigkeit, neue Räumlichkeiten für die Bücherei zu finden. Seitens des Bistums wurde vorgeschlagen, die Wochentagskirche auch als Bücherei zu nutzen. Dieses erschien jedoch wenig zweckdienlich, und so beschlossen die Verantwortlichen, die Wochentagskirche zu unterkellern. Die Mehrkosten waren im Zuge der Gesamtbaumaßnahme und durch die komplette Errichtung in Eigenleistung gering. Dennoch waren auch hier wieder viele Gespräche mit dem Bistum notwendig, um die notwendige Genehmigung zu erhalten. Unter der Auflage, dass sich hierdurch der Bistumszuschuß zur Gesamtmaßnahme nicht erhöht, wurde schließlich die Genehmigung erteilt. Man hatte eingesehen, dass ansonsten die Chancen zur Gewinnung eines zusätzlichen Raumes für immer vertan gewesen wären.

 

Der Vorentwurf hatte noch vorgesehen, dass das Mauerwerk gerade abschließt und hierüber zur Mitte spitz zulaufende Fenster für die notwendige Helligkeit sorgen sollten. Letztendlich wurde jedoch ein 1,50 m breites Fensterband entlang dem Zeltdach gewählt. Jeweils in der Seitenmitte geht ein baugleiches Fensterband mit einer Breite von 1,50 m bis zum Boden. Von dem ursprünglichen Plan, die Fensterbänder komplett farbig zu gestalten, wurde aus Kostengründen Abstand genommen. Ein Entwurf des Glasgestalters Johannes Beeck aus Hinsbeck hatte hierzu bereits vorgelegen. Vorerst wurde jedoch nur das Fensterband am Altarraum mit Buntglas versehen.

 

12.                       Der Bau der Kirche

 

Bodenplatte gießen

1. Spatenstich

Am 20. August 1976 war dann der erste Spatenstich. Bereits von Anfang an waren viele Pfarrangehörige unermüdlich im Einsatz. Nach Einrichtung der Baustelle wurden die Bodenplatte und die Bücherei in Eigenleistung erstellt. Von August bis Oktober leisteten wochentags und insbesondere samstags ca. 50 Helfer annähernd 3000 Stunden. Es wurden Kolonnen mit einer Stärke von 6 bis 10 Personen gebildet, die jeweils von fachlich versierten Personen geführt wurden. Durch diese starke Mithilfe konnte eine Kostenersparnis erzielt werden, die weit über dem kalkulierten Rahmen lag. Es bildeten sich freundschaftliche Bekanntschaften; auf der Baustelle und in der Baubude wurde angeregt, manchmal auch heftig diskutiert. Doch letztendlich hatte jeder nur das gemeinschaftliche Ziel vor Augen, schnell, ordentlich und unter Wahrung aller Einsparmöglichkeiten weiterzumachen. Spätestens bei den abendlichen Besprechungen wurde bei einer Flasche Bier der Zwist beigelegt. Samstags gab es den legendären Eintopf des nahegelegenen Einzelhandelsgeschäftes Schroeders.

 

abendliche Baubesprechung

Beginn der Mauerarbeiten

Bereits im Juni 1976 war der erste Submissionstermin für die Gewerke Erd-, Maurer und Betonarbeiten, Dachkonstruktion einschließlich Akustikdecken, Dachdeckerarbeiten und Heizung. Für die Erdarbeiten war die Baggerei Mewissen verantwortlich; durch die kostenfreie Bereitstellung von Baugerät (die Bedienung erfolgte wieder von Pfarrangehörigen in Eigenleistung) und Erdreich konnte hierbei wiederum viel gespart werden. Die Firma Dresen wurde mit den Maurerarbeiten ab Oberkante Bodenplatte beauftragt, die dann im Oktober 1976 begannen. Am 28. November 1976 konnte unter Beisein des Bürgermeisters Heinrich Jennissen der Grundstein gelegt werden. In der Urkunde stand unter anderem geschrieben:

 

„Dem Leser Heil!

 

Mit Gottes Hilfe legen wir diesen Grundstein am 1. Adventssonntag, dem 28. November 1976, im 13. Jahr des Pontifikates von Papst Paul VI., da Josef Kardinal Dr. Höffner, Erzbischof von Köln, Dr. Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen, Dr. Bernhard Brück, Regionaldekan von Kempen-Viersen, Mathieu Leclerq, Dechant des Dekanates Schwalmtal-Brüggen und Pastor dieser Pfarre, sowie Pastor Josef Frings, Subsidiar sind.

 

Walter Scheel ist Bundespräsident, Helmut Schmidt Bundeskanzler, Heinz Kühn Ministerpräsident, Hans Backes Landrat, Rudolf Müller Oberkreisdirektor, Heinrich Jennissen Bürgermeister und Hans Endepohls Gemeindedirektor.  […kurzer Rückblick auf die Geschichte…]

 

Durch großen Opfergeist der Pfarrgemeinde und persönlichen, manuellen Einsatz mehrerer, wurde trotzdem ein Massivbau möglich, errichtet nach den Plänen des Architekten und Bauingenieurs Josef Pillen. Den Grundstein legte Pastor und Dechant Math. Leclerq, in einer Zeit materiellen Wohlstands, aber auch starker geistiger Auseinandersetzung in Kirche und Gesellschaft. Die Wissenschaft erreichte nie gekannte Höhepunkte – man besteigt den Mond, bedient sich der Kraft der Atomspaltung, aber lebt in ständiger Angst vor Vernichtung, sei es durch einen Atomkrieg, Terrorangriffe oder kommunistische Gewalt. Innerhalb der Kirche herrscht Verwirrung und Unsicherheit, weil sich Privatmeinung und offizielle Kirchenmeinung gegenüber stehen.

 

Dieses Gotteshaus soll unter dem Schutz der Gottesmutter stehen und immer eine Stätte der Begegnung mit Gott und miteinander sein. Schwalmtal, den 28.11.1976“

 

 

 

 

 

 

 

 

Fernsicht auf die Baukräne

Bei der Generalversammlung des Bau- und Sparvereins am 20.03.1977 konnte bereits verkündet werden, dass die Beton- und Maurerarbeiten größtenteils fertiggestellt waren. Kurz darauf begann man mit der Dachkonstruktion, die von der Firma Derix erstellt wurde. Zeitgleich begann die Firma Siegers mit der Fensterkonstruktion; die Verglasungsarbeiten erfolgten nachher durch die Firma Henricks, die auch für die Malerarbeiten zuständig war. Die Dachdecker- und Klempnerarbeiten übernahm die Firma Lambertz. Der Estrichleger Van den Vin konnte im Dezember 1977 Vollzug melden. Für die Heizungsanlage zeichnete die Firma Vahlhaus verantwortlich. Eine Fußbodenheizung sorgt dafür, dass die Messbesucher keine kalten Füße bekommen. Die Elektroinstallation erfolgte durch die Firma Dahlmeyer.

 

Mit Beginn der Maurerarbeiten war die Möglichkeit zur Eigenleistung für die Pfarrangehörigen eingeschränkt. Nach einiger Zeit widmete man sich dann aber der Innenausstattung der Kirche. Aus Kostengründen war vorgesehen, möglichst viel von der Innenausstattung der Anstaltskirche zu übernehmen. Doch die Kirchbänke passten nicht zu dem neuen Bau. So entschied man sich, nach einem Entwurf des Architekten Pillen neue, schlichte Bänke aus Eschenholz zu fertigen. Die Schreinerei Gierlings in Eschenrath hatte einige Jahre vorher den Betrieb eingestellt, die Geräte waren aber noch vorhanden. Unter der Leitung von Gottfried Aretz wurden die Kirchbänke in der stillgelegten Schreinerei von mehreren Pfarrangehörigen – überwiegend selber Schreiner – in ca. 1500 Arbeitsstunden erstellt.

 

Pastor Leclerq hatte in der Zwischenzeit Kontakt zu dem Berliner Bildhauer Paul Brandenburg aufgenommen, der die sakralen Einrichtungsgegenstände in der Kirche aufbauen sollte. Der Künstler schickte aus einem Steinbruch in Kirchheim am 13.09.1977 seine ersten Entwürfe. Der Altar sollte aus Muschelkalk gefertigt werden. 5 Kreuze werden auf der Oberfläche eingeschlagen, Symbole für die 5 Wunden Christi. Mit der Einweihung werden diese zum lebendigen Symbol Christi. Um diese Lebendigkeit zu unterstreichen hat der Künstler die Ecken abgerundet, die Meißelspuren sichtbar gelassen, tragende und lastende Formen gegeneinander ausgespielt. Über dem Altar schwebt ein Kreuz aus Aluguss. Die zentrale Aussage des Kreuzes sind die 3 Anrufungen nach der Wandlung:

 

  • „Deinen Tod, oh Herr verkünden wir“ - 4 große Verletzungen an den Kreuzbalken erinnern an die Hand- und Fußwunden Christi am Kreuz
  • „ Deine Auferstehung preisen wir“ - im Zentrum leuchtet sonnenhaft die Herzwunde
  • „bis Du kommst in Herrlichkeit“ – wie eine kosmische Erscheinung lösen sich die Kreuzbalken in Strahlen auf

 

Entwürfe des Künstlers

         

 

Das II. Vatikanischen Konzil hatte Altar und Ambo verknüpft: „Tisch des Brotes – Tisch des Wortes“. Daher findet sich hier die gleiche Kombination aus Muschelkalk und Aluguss wieder. Im Gegensatz zum Altar, der kraftvoll im Zentrum steht, überschreitet der Ambo die Stufen dynamisch auf die Gemeinde zu – wie das Wort, das von ihm gesprochen wird. In der Tabernakelsäule aus Muschelkalk mit dem Tresor aus Aluguss wird neben der Materialkombination auch das Strahlenmotiv des Kreuzes wieder aufgenommen. Ein großer Nimbus geht raumgreifend mit dreifachen Wellen von der Mitte des Tabernakels aus – eine eruptive Kraft scheint den Tresor aufzusprengen, die Kraft Gottes lässt sich nicht wegsperren[18]. In der Kirche ragen 12 Leuchter aus den Wänden, die für die 12 Apostel stehen.

 

Der Künstler stellt den Altar auf

Derweil nahm die Kirche immer mehr Gestalt an. Nachdem der Estrich getrocknet war, konnte im März 1978 die Firma Laux mit den Fliesenarbeiten beginnen. Die sonstigen Bodenbeläge wurden von der Firma Schroeders verlegt. Danach wurden die Kirchbänke montiert. Sie waren vorher in der Schreinerei Aretz lackiert worden. Im Mai 1978 stellte der Bildhauer Brandenburg den Altar auf. Auch die weiteren von dem Künstler erstellten Dinge konnten nun nach und nach installiert werden. Den Altar in der Wochentagskirche fertigte der Schreiner Gierlings aus der Kommunionbank der Anstaltskirche. Derweil baute die Schreinerei Aretz die Möbel der Sakristei auf. Der hierin stehende Tresor wurde bis 1954 von der Kirspel-Waldnieler Spar- und Darlehenskasse – einer Vorgängerin der heutigen Volksbank Schwalmtal – in deren Kassenräumen im Hause Oelers in Naphausen genutzt[19].

 

Im Frühjahr 1978 ging es an die Außenanlagen, die von der Firma Ditges hergerichtet wurden. Den Parkplatz asphaltierte die Firma Heyer im Juni 1978. Das Außenkreuz war von der Schlosserei Siegers gefertigt worden. Heinz Vahlhaus hatte den Rohling anschließend verkupfert. Die Installation des Kreuzes wurde von vielen Schaulustigen verfolgt. Ein Kran von Jackels hiefte das Kreuz hoch und es wurde über dem Haupteingang der Kirche befestigt.

 

Zwischenzeitlich war auch die Innenausstattung vervollständigt worden. Der Kreuzweg, der Beichtstuhl, der Bildstock der Immerwährenden Hilfe, die Weihwasserbecken und die Figuren der Gottesmutter und des Heiligen Josef wurden übernommen. Die Reliefs aus dem Christkönigaltar (Erscheinung, Brotvermehrung, Einzug in Jerusalem, Auferstehung) wurden in der neuen Kirche aufgehängt. Der Christkönigaltar der Anstaltskirche war 1934 von der Schreinerei Bäumges aus Naphausen gefertigt worden. Die Figuren und die Reliefs stammen aus der Werkstatt des Erkelenzer Bildhauers Franz Xaver Haak. Als große Herausforderung erwies sich noch die Umsetzung der Orgel aus dem Jahre 1921. Doch auch diese konnte schließlich unter der Mitwirkung des Aachener Orgelbauers Stahlhuth in der neuen Kirche aufgebaut werden.

 

13.                        Einweihung der Kirche

 

Die St. Michael-Bruderschaft Kirspel-Waldniel hatte eigentlich für das Jahr 1978 ihr Schützenfest geplant, doch lange Zeit war unklar, wer die Königswürde übernehmen würde. Im Februar 1978 meldete sich Willi Rademachers als Kandidat, wenn das Schützenfest mit der anstehenden Kirchweihe verbunden würde. Als Termin für die feierliche Weihe der Pfarrkirche hatte das Bistum den 18.06.1978 bestätigt. Seitens der Pfarre bestanden keine Bedenken, und so wurde am 02.04.1978 zum Vogelschuß geladen. Fast wäre Dechant Leclerq König geworden. Er schoss die Hälfte herunter. Willi Rademachers schoss dann aber den Rest ab und ernannte Johannes Jöpen und Heinz Joppen zu seinen Ministern. Königsadjutant wurde Hans Bergh[20]. Der König Willi Rademachers stiftete später eine Plakette für das Königssilber der St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel, die mit einer Skizze der neuen Pfarrkirche an die Kirchweihe erinnert.

 

Pfarrbrief zur Kirchweihe

Am Nachmittag des 18. Juni 1978 um 14.00 Uhr war für die beiden Bruderschaften der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt, die St. Josefs Bruderschaft Hehler und die St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel, Antreten am Festzelt. Wie vorgesehen war die Kirchweihe der Höhepunkt des Kirspeler Schützenfestes. Gemeinsam zog man zur Anstaltskirche. Bis 14.45 Uhr hatte sich die ganze Gemeinde hier versammelt, um in einem feierlichen Festzug zur neuen Pfarrkirche zu ziehen. Die Musikkapelle spielte Tochter Zion, als sich die vielen Hundert Leute auf den Weg machten. Der Weihbischof Dr. Gerd Dicke besprengte dann die Außenwände der Kirche; hiernach war Schlüsselübergabe und Einzug mit den Worten: „Tut Euch auf, Ihr hohen Tore und lasst einziehen den König der Herrlichkeit“. Die Reliquien der Heiligen Gereon und Ursula und ihrer Gefährten[21] wurden vom Architekten Pillen in den Altar eingelassen. Der Altar wurde vom Bischof geweiht und die Apostelkreuze wurden gesalbt. Beim Schlusslied „Großer Gott wir loben dich“ bebten die Mauern der neuen Pfarrkirche nach dieser feierlichen Konsekration.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt hatte nun endlich das erreicht, wonach seit vielen Jahrzehnten, in Kirspel-Waldniel eigentlich seit Jahrhunderten gestrebt wurde: Man war eine selbständige Pfarre geworden und hatte ein eigene Kirche!

 

14.                        Die Pfarrgemeinde nach der Kircheinweihung

 

Bereits zwei Tage nach der Einweihung konnte das Ehepaar Matthias Ditges die erste Goldhochzeit in der neuen Kirche feiern. Am darauffolgenden Sonntag war eine feierliche Konzelebration der Geistlichen, die früher in der Pfarre gearbeitet hatten. Das erste Brautamt in der neuen Kirche war für Horst Vondermann und Marlene Pillen am 30.06.1978[22].

 

Nach der endgültigen baurechtlichen Schlussabnahme am 11.07.1978 stand vorerst die endgültige Entschuldung im Vordergrund. Viele Einzelstücke aus der alten Anstaltskirche konnten nicht mit in die neue Kirche übernommen werden. Daher erfolgte am 28.10.1978 eine Versteigerung dieser Utensilien; der Verkaufserlös diente ebenfalls zur Abdeckung der Baukosten.

 

Bei der Generalversammlung des Bau- und Sparvereins am 01.04.1979 wurden bereits lebhafte Gespräche über den Bau eines Glockenturmes geführt. In den vielen Jahren in der Anstaltskirche hatte Glockengeläut stets zum Meßgang gerufen. Die beiden Glocken der Anstaltskirche waren nun in den Räumen der Schlosserei Siegers zwischengelagert worden. Beim Bau der neuen Kirche hatte man aus Kostengründen vorerst vom Bau eines Glockenturms Abstand genommen.

 

Ende 1979 kam dann eine wichtige Änderung auf die Pfarrgemeinde zu: Pastor Leclerq hatte darum gebeten, aus Altersgründen in eine kleinere Gemeinde nahe seiner holländischen Heimat zu wechseln. Als bleibende Erinnerung seiner Amtszeit wird der Bau einer eigener Pfarrkirche stehen, für die er sich stark eingesetzt hatte. Er hatte aber auch faire Diskussionen über das Für und Wider eines Neubaus und über die Ausgestaltung der neuen Kirche geführt.

 

Aufgrund des Priestermangels wurde vom Bistum Aachen kein neuer eigenständiger Pfarrer für St. Mariae Himmelfahrt berufen. Der Waldnieler Pastor Karl-Wilhelm Koerschgens sollte mit für die neue Gemeinde zuständig sein. Die Vorbehalte in der jungen Pfarrgemeinde waren groß. Man befürchtete, dass allzu schnell die gerade erst erworbene Selbständigkeit wieder aufgegeben werden müsste. Manch einer hatte den Eindruck einer „Übernahme“ durch die Waldnieler Pfarre. In einer moderierten Besprechung im Generalvikariat konnten dann am 10.12.1979 einige Vorbehalte beseitigt werden. Pastor Koerschgens versicherte, dass die Pfarrgemeinden St. Mariae Himmelfahrt und St. Jakobus Lüttelforst – auch dort sollte nach dem Ausscheiden von Pfarrer Hall kein neuer eigener Pfarrer eingesetzt werden – ihre Eigenständigkeit behalten würden. Am Palmsonntag des Jahres 1980 wurde in diesen drei Pfarren somit Pastor Koerschgens Hauptseelsorger.

 

Auf der Generalversammlung des Bau- und Sparvereins am 05.04.1981 endete eine Ära. Hans Jackels legte sein Amt nieder. Er war am 15.02.1970 als Nachfolger von Josef Platvoetz zum Vorsitzenden des Bau- und Sparvereines gewählt worden. Hans Jackels hatte sich besonders stark gemacht für den Bau der neuen Kirche. Bei den Gesprächen beim Bistum waren er und der Architekt Josef Pillen die treibende Kraft gewesen. Begleitet wurden sie meist von Heinz Valhaus als Vertreter des Kirchenvorstandes und Josef Campen, der Vorsitzender des Pfarrgemeinderates war und 1981 auch sein Nachfolger als Vorsitzender des Bau- und Sparvereins wurde. Pastor Leclerq hielt sich aufgrund seines impulsiven Gemütes hierbei etwas zurück. Hans Jackels hatte aber auch die Möglichkeit der Übernahme der Anstaltskirche sorgfältig abgewogen, zusammen mit Hubert van Horrick und Franz Reinartz das Bundesvermögensamt aufgesucht und Verhandlungen über einen Kauf geführt. Hubert van Horrick und Hans Jackels hatten zusammen mit Heinz Vahlhaus und Franz Dresen auch das Krefelder Anwaltsbüro mit der Ausarbeitung bezüglich eventueller Eigentumsrechte an der Anstaltskirche beauftragt.

 

15.                        Bau des Glockenturmes

 

Nach diesen strukturellen und personellen Veränderungen trat am 14.03.1982 der Bau- und Sparverein zu seiner nächsten Generalversammlung zusammen. Aus dem Neubau der Kirche musste noch ein Rest der Darlehensverbindlichkeiten getilgt werden. Doch immer mehr wurde auch das Geläut der Glocken vermisst. Daher entschied man sich dazu, die Mitchristen in der Pfarrgemeinde Mariae Himmelfahrt mit einer Beilage zum Pfarrbrief wieder zur Aufnahme der Spendentätigkeit zu ermuntern. In den darauffolgenden Jahren wurden verschiedene Gespräche mit dem Bistum geführt. Man erklärte sich dort schnell mit dem Bau eines Glockenturmes einverstanden. Zugleich machte man aber auch deutlich, dass mit einem Zuschuss von Seiten des Bistums nicht zu rechnen sei.

 

Anfang 1985 wurde das Vorhaben wieder forciert. Der Architekt Pillen hatte auf Grundlage der geführten Gespräche ein Modell des Glockenturms erstellt. Der Kirchturm hat eine Grundfläche von 4 x 4 m und eine Höhe von ca. 20,77 m. Das Dach des Turms bildet eine zeltähnliche Konstruktion und gleicht somit dem Kirchdach. Unter dem Dach sorgen offene Jalousien für die notwendige Schallfreiheit. Im Inneren des Turmes ist eine massive Treppenanlage vorgesehen. Die Kirche wird durch einen überdachten Übergang mit dem Glockenturm verbunden. Der Kirchenvorstand gab auf seiner Sitzung am 14.05.1985 dem Antrag des Bau- und Sparvereins statt und beschloss, den Architekten mit einem Bauantrag zum Bau des Glockenturmes zu beauftragen. Zur Finanzierung dienten wie schon beim Kirchbau neben Spenden auch die Erlöse der Pfarrfeste. Wurden seinerzeit Bausteine an die Spender gegeben, erhielten diese nun kleine Glocken.

 

Bis zum endgültigen Startschuss sollte es dann aber noch bis Anfang 1989 dauern. Die Pläne und Kostenaufstellungen lagen nun abschließend vor, ebenso ein Statikgutachten und ein Gutachten zu den Glocken. Es wurde vorgeschlagen, den Glockenstuhl auf 6 Glocken auszurichten. Aus Kostengründen sollte neben den beiden vorhandenen Glocken vorerst nur eine weitere Glocke angeschafft werden.

 

Eine Eigenleistung beim Bau des Glockenturms war aufgrund der aufwendigen Statik nur im geringen Maße möglich. Wie bereits beim Kirchbau war für die Erdarbeiten die Fa. Mewissen zuständig. Mit den Maurer- und Betonarbeiten wurde die Firma Römer beauftragt. Die Dacharbeiten wurden von der Firma Lambertz und die Schlosserarbeiten von der Firma Siegers ausgeführt. Den Holzbau übernahm die Firma Perlick. Die Elektrik installierte die Firma Pletschen.

 

Im Herbst 1989 begannen die Arbeiten. Um die Schwingungen aufzufangen, wurde ein großes Fundament von 6 x 6 m gegossen. Die Arbeiten gingen zügig voran, so dass bereits am 19.01.1990 das Richtfest gefeiert werden konnte.

 

Zwischenzeitlich konnte mit der Sparkasse Krefeld ein Sponsor für die neue Glocke gefunden werden. Sie wurde von der Eifeler Glockengießerei Mark gegossen und hat den Schlagton cis. In der Abendmesse am 28.04.1990 wurde die Glocke geweiht. Sie ergänzt die beiden bereits 1912 und 1926 gegossenen Glocken in den Tonlagen e und gis. Rechtzeitig vor der Kinderkommunion konnte dann am 13.05.1990 der Glockenturm eingeweiht werden. Um 14.30 Uhr begannen die Feierlichkeiten mit einer Eucharestiefeier. Die Weihe erfolgte durch den Regionaldekan M. von Holtum. Der Tag klang mit einem festlichen Empfang im Pfarrheim Waldnieler Heide aus.

 

Die Gesamtkosten für den Glockenturm lagen bei DM 340.000,00. Am 06.12.1990 konnte Pfarrer Koerschgens den Mitgliedern des Bau- und Sparvereins die frohe Mitteilung machen, dass der Kirchturm vollständig bezahlt war. Mit diesem Tag endete die Tätigkeit des Bau- und Sparvereins. Josef Campen war bis zum Schluss Vorsitzender des Bau- und Sparvereins gewesen und hatte zusammen mit Pastor und Architekt den Bau des Glockenturmes begleitet.

 

16.                        Entwicklung bis heute

 

Kurz nach der Einweihung der Kirche hatte es mit der Zusammenfassung der drei Waldnieler Pfarren zu einem Pfarrverband eine organisatorische Veränderung gegeben. Nun wurde kurz nach der Einweihung des Glockenturms der Pfarrverband erweitert. Mit der Einführung von Pastor Wilhelm Kursawa am 12.08.1990 als Pastor der Pfarrgemeinden in Amern wurde der Pfarrverband Schwalmtal gegründet.

 

 

 

 

 

 

 

Er umfasste unter der Leitung der beiden Pastöre Karl Wilhelm Koerschgens und Wilhelm Kursawa folgende eigenständige Pfarrgemeinden:

 

St. Mariae Himmelfahrt

Waldnieler Heide

St. Jakobus

Lüttelforst

St. Michael

Waldniel

St. Georg

Amern (Oberamern)

St. Anton

Amern (Unteramern)

St. Gertrud

Dilkrath

 

Mit dem Bau des Glockenturms war auch der Außenbereich der Kirche verändert worden. Zur Abrundung fehlte noch eine ins Auge fallende Bepflanzung. Am 22.04.1991 wurde hierzu von der Familie Jöpen aus Eschenrath eine 6 Jahre alte Rotbuche (Fagus silvatica) mit einer Höhe von 3,50 m zur Verfügung gestellt, die in den Grünstreifen vor dem Kirchturm gepflanzt wurde. Die Familie Eisbrüggen aus Berg stiftete eine 17 Jahre alte Stieleiche („Deutsche Eiche“, Quercus robor) mit einer Höhe von 7,50 m, die am 11.01.1992 in die Rasenfläche vor der Kirche verbracht wurde[23].    

 

Auf Grund großherziger Einzelspenden wurden 2003 zwei weitere Lichtbänder in der Kirche farbig verglast. Sie setzen sich mit den Sakramenten Taufe und Eucharistie auseinander[24]. In der Osternacht 2004 konnte ein neuer Taufstein geweiht werden. Auch dieser wurde von dem Künstler Brandenburg aus der bekannten Materialkombination Muschelkalk – Aluguss gefertigt. Mit dem Taufstein zu einer Einheit verbunden ist eine Kredenz, in der sichtbar die Taufgeräte aufbewahrt werden, und die Osterkerze[25].    

 

Der zunehmende Priestermangel und die sinkenden Kirchensteuereinnahmen veranlassten das Bistum Aachen, ab 2008 verstärkt benachbarte Pfarren zu Fusionen aufzufordern. In Schwalmtal sollten zwei neue Pfarren, eine in Waldniel (aus St. Mariae Himmelfahrt und St. Michael) und eine in Amern (aus St. Amern und St. Georg), entstehen. St. Gertrud Dilkrath und St. Jakobus Lüttelforst sollten zunächst selbständig bleiben. Vor Ort sorgte dieser Plan für Unruhe, hatte sich doch die in den letzten Jahren entstandene Weggemeinschaft der Schwalmtaler Pfarren mittlerweile sehr gut eingespielt. Doch seitens des Bistums drang man auf eine Entscheidung. So entschloss man sich zur großen Lösung: Alle Schwalmtaler Pfarren sollten fusionieren, hierbei aber eine größtmögliche Eigenständigkeit behalten. Um für die neue umfassende Pfarrgemeinde eine breite Akzeptanz zu erreichen, wurde ein Namenswettbewerb ausgerufen. Die Mehrheit favorisierte den Namen „Katholische Pfarrgemeinde Schwalmtal“. Doch das Bistum bestand auf einen Pfarrpatron, so dass die neue Pfarrgemeinde schließlich den Namen St. Matthias erhielt.

 

Die Fusion erfolgte zum 01.01.2010. Am 24.01.2010 wurde bei einem feierlichen Gottesdienst im Schwalmtaldom zu Waldniel deutlich, dass die bisher selbständigen Pfarrgemeinden als christliche Gemeinden weiter den Glauben vor Ort aufrecht halten werden, gleichzeitig aber auch die gemeinsame Sache vorangetrieben wird. In St. Mariae Himmelfahrt wurde im Frühjahr 2010 als Zeichen der Aktivität in der Pfarre ein weiteres Kirchenfenster farbig verglast. Es stellt das Sakrament der Firmung dar, bildet gleichzeitig aber auch eine Klammer zu dem neuen Schwalmtaler Pfarrpatron, den Heiligen Matthias.

 

 

 

[1] vgl. Schroers, Karl-Heinz: Der Marktplatz im Wandel der Zeit. In: Waldnieler Geschichten, S.56

[2] vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen, S. II

[3] vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 20 ff

[4] vgl. Schroers, Karl-Heinz: St. Michael Schwalmtal-Waldniel, S. 20

[5] vgl. Schroers, Karl-Heinz: St. Michael Schwalmtal-Waldniel, S. 29 ff

[6] vgl. Pötter, Hubert: Waldnieler Sagen. In: Festschrift zu den Waldnieler Heimattagen, S. 42

[7] vgl. Meyer-Rogmann, Vera: Findbuch Waldniel, Kreisarchiv Viersen, S. III

[8] vgl. van Horrick, Hubert: Chronik der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt und ihre Entstehung aus dem St. Josefsheim Hostert. Nicht veröffentlichte Version von 1973, S. 5 f

[9] vgl. van Horrick, Hubert: St. Josefsheim Hostert. In: Heimatbote Schwalmtal 2001, S. 59

[10] vgl. Pötter, Hubert: Waldniel als Flecken, S. 42

[11] vgl. van Horrick, Hubert: Chronik der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt und ihre Entstehung aus dem St. Josefsheim Hostert. In: Heimatbote Schwalmtal 2001, S. 53

[12] vgl. Zöhren, Peter: Nebenan Eine Andere Welt, S. 14 ff

[13] vgl. http://www.waldniel-hostert.de/geschichte.html, Abruf vom 19.01.2010

[14] vgl. van Horrick, Hubert: Chronik der Pfarre St. Mariae Himmelfahrt und ihre Entstehung aus dem St. Josefsheim Hostert. In: Heimatbote Schwalmtal 2001, S. 54 f

[15] vgl. Wegweiser durch die Pfarre St. Maria Himmelfahrt, ca. 1974

[16] vgl. Schwarz, Joachim: Das Verkehrswesen. In: Rudolf. H. Müller: Der Kreis Viersen, 1978, S. 286

[17] vgl. Baubeschreibung des Architekten Josef Pillen vom Januar 1976

[18] vgl. Brief des Künstlers Paul Brandenburg vom 23.03.2010

[19] vgl. Manfred A. Jülicher: 100 Jahre Volksbank Schwalmtal, Festschrift von 1994, S. 30 und S. 44

[20] vgl. Helmut Siegers: Jahresbericht 1978. In: Berichtsbuch der St. Michael Bruderschaft Kirspel-Waldniel, S. 85 f

[21] vgl. Rheinische Post / Grenzland-Kurier vom 19.06.1978, Verfasser unbekannt

[22] vgl. Pfarrbrief 13/1978 der Katholischen Kirchengemeinde St. Mariae Himmelfahrt

[23] vgl. Pflanzurkunde vom 15.01.1992

[24] vgl. http://www.sankt-mariae-himmelfahrt-schwalmtal.de, Abruf vom 24.02.2010

[25] vgl. Brief des Künstlers Paul Brandenburg vom 23.03.2010

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