Großer Zapfenstreich

- historische Entwicklung und Bedeutung heute -


von Bernhard Siegers

 

Wir haben uns in diesem Jahr entschlossen, dem Wunsch unseres Königs Christof zu entsprechen und unsere Kirmesfeierlichkeiten durch einen Großen Zapfenstreich beginnen zu lassen. Ein Zapfenstreich ist ein höchst emotionaler Moment. Darum findet dieser nach dem Niederlegen eines Kranzes statt, der durch seine Kreisform ohne Anfang und Ende sinnbildlich Ausdruck von Ewigkeit ist und als äußeres Zeichen unsere Verbundenheit mit unseren Verstorbenen symbolisieren soll.

 

Dabei soll nicht nur der Toten gedacht werden die uns nahe gestanden und mit uns gelebt haben, sondern auch all derer, die durch Krieg, Terror und Unterdrückung ihr Leben lassen mussten. Die einzelnen Sektionskreuze in Kirspel sollen Mahnmale für den Frieden sein. Sie sollen uns immer daran erinnern, dass keine Machthaber oder Ideologien es wert sind, sein Leben dafür zu opfern. Doch der Friede kommt nicht von alleine. Er muss von uns jeden Tag neu gelebt werden.

 

Viele sind sich der Bedeutung nicht bewusst, die diese Zeremonie des Großen Zapfenstreiches in der deutschen Geschichte innehat.

 

Der Große Zapfenstreich ist eigentlich ein militärisches Ereignis, das bei den deutschen Streitkräften seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausschließlich bei wichtigen, offiziellen Anlässen durchgeführt wird. Nach den Dienstvorschriften der Bundeswehr soll er den Zusammenhalt der Streitkräfte festigen und die Verbundenheit von Truppe und Bevölkerung stärken.

 

Nun kann man darüber streiten, ob der Zapfenstreich als solcher überhaupt noch Zeitgemäß ist. In unserem heutigen Fall soll er die Feierlichkeiten unterstützen. Darum findet dieser Große Zapfenstreich auch nicht als ernste Abendveranstaltung, sondern als Teil unseres Umzuges am Samstag statt, damit viele Mitbewohner mit guter Laune daran teilnehmen können, ohne jedoch die Ernsthaftigkeit der Veranstaltung zu schmälern. Da wir uns als Schützenbrüder aber in keiner Weise militärisch oder gar kriegerisch verstehen, möchten wir hiermit unsere traditionelle Verbundenheit zu unserer Heimat einen feierlichen Ausdruck verleihen.

 

Doch wofür sind Traditionen heutzutage noch gut? Traditionen haben etwas Beruhigendes. Sie vermitteln Beständigkeit, Verlässlichkeit und, dass es da einen Wert gibt, der es wert ist erhalten zu werden. Um es mit den Worten von Thomas Morus zu sagen: Tradition bedeutet nicht das Überbringen der Asche, sondern das Weiterreichen der Glut. Diese Glut möchten wir bei den Teilnehmern und Zuschauern erwecken und zeigen, dass solche Feste für unser Zusammenleben wichtig sind und es sich lohnt, die oftmals viele Arbeit auf sich zu nehmen. An dieser Stelle sei unseren Frauen, Familien und auch allen Anwohnern der einzelnen Sektionen für ihren Einsatz ein großer Dank ausgesprochen. Ohne Ihre Hilfe wäre dieses Fest in dieser Form nicht möglich.

 

Das heute übliche Zeremoniell des Großen Zapfenstreiches legte Friedrich Wilhelm Wieprecht, der Wegbereiter deutscher Blas- und Militärmusik, im Jahre 1883 fest:

Als unverzichtbare Bestandteile seien hier aufgeführt:

 

  • Einzug der Ehrenformation
  • Serenade
  • Locken zum Großen Zapfenstreich
  • 1., 2. und 3. Kavallerie-Posten
  • Gebet
  • Abschlagen nach dem Gebet
  • Ruf nach dem Gebet
  • Nationalhymne
  • Abmarsch der Formation mit dem Zapfenstreichmarsch

Die einzelnen Abschnitte sollen nun in chronologischer Reihenfolge erklärt werden.

Der zum Einmarsch der als Ehrenformation fungierenden Fackelträgern gespielte Yorck`sche Marsch von Ludwig van Beethoven erinnert an Graf Yorck von Wartenburg. Dieser schloss ohne Ermächtigung des preußischen Königs im Dezember 1812 mit Rußland die Konvention von Tauroggen, erklärte sich mit seinem Corps so neutral und initiierte dadurch die Befreiungskriege gegen Napoleon.

 

Die auf den Einzugsmarsch folgende Serenade ist eine freie Folge von Musikstücken. Hier kann zum Beispiel auf die jeweilige Region oder auf Wünsche der zu ehrenden Person eingegangen werden.

 

Der eigentliche Zapfenstreich beginnt mit dem Kommando: "Ehrenformation - stillgestanden. Großer Zapfenstreich". Er geht auf eine Tradition des 17. Jahrhunderts zurück, nach der abends in großen Feldlagern der Landsknechte der aufsichtsführende Regimentsprofoß (etwa: Gerichtsoffizier), begleitet von einem Pfeifer und einem Trommler, dem so genannten Spil, mit seinem Stab gegen den Zapfen eines Weinfasses geschlagen hat. Dies war das Zeichen, das Zechen und Würfelspielen einzustellen. Von dem Stabstreich gegen den Zapfen übertrug sich der Begriff "Zapfenstreich" auf das begleitende Signal des Spils, das bei Fußtruppen von Spielleuten getrommelt und bei Reitern von Trompetern geblasen wurde. So hatte ursprünglich jede Waffengattung ihr eigenes Zapfenstreichsignal. Waren mehrere unterschiedliche Regimenter in großen Feldlagern versammelt, so wurden die verschiedenen Signale nacheinander geschlagen beziehungsweise geblasen. In späteren Zeiten wurden die Soldaten durch das Vortragen dieser Signale abends in die Kasernen zurückbefohlen, gleichsam gelockt. Daran erinnern heute noch das "Locken" der Spielleute mit Trommel und Pfeife und die so genannten "Kavallerie-Posten" der Trompeter.

 

Der Große Zapfenstreich in seiner heutigen Form mit Gebet geht auf einen Befehl des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. zurück, der am Abend nach der Schlacht von Groß Görschen im Mai 1813 vom Zapfenstreich der verbündeten russischen Truppen mit gesungenem Vaterunser so beeindruckt war, dass er ihn wenig später in seine Armee übernahm. Welcher Choral zur Zeit der Übernahme der Zeremonie gespielt wurde ist nicht bekannt, doch wurde später Gerhard Tersteegens "Ich bete an die Macht der Liebe" unterlegt, dessen Text den Ausdruck eines universellen Friedenswunsches wiedergibt.

 

Danach wiederholen sich das "Locken" und die "Kavallerie-Posten" im "Ruf nach dem Gebet" der Spielleute und im "Abschlagen nach dem Gebet" des Musikzuges. Das Deutschlandlied als Nationalhymne wurde ab 1925 fester Bestandteil des Großen Zapfenstreiches, nachdem man bis 1918 in Anwesenheit des Kaisers "Heil Dir im Siegerkranz" gespielt hatte. Der Abmarsch der Ehrenformation erfolgt unter den Klängen des so genannten Zapfenstreichmarsches.

 

Wir hoffen, dem Interessierten mit dieser Abhandlung einmal eine außergewöhnliche Information in die Hand gegeben zu haben zu einem Thema, über das normalerweise wenig bekannt ist.

 

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